Ein Bericht von Ingo Brückner

Wir nehmen Platz im Theatersaal des Harlekin-Theaters in Frechen und dürfen schon einen Blick auf das Bühnenbild werfen. Dort befindet sich nicht viel: Ein großes Podest in der Mitte, links davon drei Stühle mit den Rückenlehnen zueinander und auf der rechten Seite ein Spinett. Das Ganze ist umgeben von tiefschwarzem Vorhangstoff. Eine Jesus-Figur auf dem Podest wird von oben mit einem Spot angeleuchtet. Vor dem Podest liegen zahlreiche Notenblätter auf dem Boden. Es folgt der Auftritt der Darsteller, die sich in Position begeben. Im Hintergrund stehen Personen mit dem Rücken zum Publikum im schwarzen Gewand, die immerzu und durcheinander den Namen Salieri flüstern. Eine gespenstische Szene bis Salieri, der auf einem der Stühle sitzt den Namen seines Widersachers "Mozart" ausspricht. Dann nimmt das Stück seinen Lauf.

Die Geschichte:
Im Jahre 1823 blickt der Hofkapellmeister Salieri als alter Mann auf sein Leben zurück und die Bilanz ist niederschmetternd.
Schon früh war Salieri von dem Wunsch beseelt, Gott durch seine Musik zu dienen. Der Wunsch erfüllt sich zunächst. Salieri bringt es bis zum Hofkapellmeister des Kaisers in Wien. 59 Jahre lebt und wirkt Salieri in Wien, zehn Jahre davon zugleich mit Mozart. Um diese zehn Jahre geht es in diesem Stück. 1781 kommt ein Mann in die Stadt, der Salieri's Leben für immer verändert: Mozart. In den Räumen der erzbischöflichen Residenz in Salzburg, wo Mozart ein Konzert geben soll, trifft Salieri einen zuchtlosen, kindischen Gecken, der mit seinen derben Späßen die feine Gesellschaft schockiert. Doch mit Mozart's Musik erkennt Salieri die wahre Schöpfungskraft des jungen Komponisten, wodurch ihm die eigene Mittelmäßigkeit umso schmerzlicher bewusst wird. Fortan hadert Salieri mit Gott. Wie kann es sein, dass diesem zügellosen Subjekt die göttliche Gnade der Musikalität zuteil wurde? Sofort spinnt Salieri Intrigen, die darauf abzielen, Mozart zu vernichten. Er erreicht, dass Mozart's Opern, wie "Die Entführung aus dem Serail" oder "Die Hochzeit des Figaro" nach wenigen Aufführungen vom Spielplan abgesetzt werden. Mozart kämpft ständig um Ansehen und um Aufführung seiner Werke, die er als "das Größte, was je

geschrieben wurde" sieht. Auch privat durchlebt Mozart eine Krise. Seine Frau Constanze verlässt ihn sogar vorübergehend. Hinzu kommen chronischer Geldmangel und ein ausschweifender Lebensstil, der Mozart's Gesundheit langsam aber unaufhaltsam ruiniert. In seinen Träumen begegnet ihm immer wieder eine graue Gestalt, die ihm bis zum nächsten Wiedersehen befiehlt, ein Requiem zu schreiben. Beim Komponieren dieses letzten Werkes erleidet Mozart einen Zusammenbruch und stirbt.


Salieri, der Mozart's Werke sehr schätzte und ihm dies auch immer mitteilte, zerbrach innerlich am immer mehr steigenden Weltruhm von Mozart. 30 Jahre nach dessen Tod verbreitete Salieri in geistiger Verwirrung das Gerücht, er habe Mozart vergiftet. Man vermutet, dass er wenigstens durch diese Tat der Nachwelt in Erinnerung bleiben wollte. Ein Jahr später starb Salieri.

Meine Meinung zum Stück
Zentrale Figur dieses Stücks ist Salieri, der als Erzähler auftritt und immer wieder an den mit der Erzählung verschmelzenden Schlüsselszenen teilnimmt. Er erzählt über sein Leben mit Mozart. Es verwundert ein wenig, dass der Titel nicht "Salieri" heißt, aber selbst das sei ihm wohl nicht vergönnt. Thomas Hardow lässt das Stück im Halbdunkeln. Das Licht verschafft zeitweilig eine düstere Atmosphäre aber auch interessante Eindrücke und unterstreicht somit, dass Salieri's Gedanken Erinnerung sind. Das sehr dunkle Bühnenbild, wenn man es überhaupt so nennen kann, bietet dem Zuschauer sehr wenig Abwechslung und fokussiert so den Blick auf die Darsteller, die allesamt, ganz besonders Rolf Koch in der Rolle des Salieri, ein enormes Textpensum zu bewältigen haben. Koch wirkt müde, scheint zu resignieren und erzählt nahezu durchgehend, mal am Rande des Spiels, mal mittendrin von seinem Frust und seinem Neid auf Mozart sowie von seinen Intrigen, die er gegen Mozart spann. In seinem Kostüm wirkt er farblos und bietet damit einen sichtbaren Kontrast zu den anderen Figuren, ganz besonders aber zu Mozart, gespielt von Sebastian Winkelnkemper. Wer, wenn nicht er, hätte die Rolle des berühmten Komponisten besser verkörpern können? Er wirbelt mit hohem Körpereinsatz über die Bühne wie ein Kind, das sich nicht zu benehmen weiß, jongliert mit Wörtern, Mimik und seiner gewaltigen Stimme. Er ist Kind, Liebhaber und leidenschaftlicher Musiker mit all seiner Arroganz und Liebe in einer Person. Am Ende stirbt er mit einem Lächeln im Gesicht und dirigiert die letzten Töne seiner Musik. Das überzeugt!

Auch Carmen Merce Alvaro spielt souverän Mozart's Frau Konstanze. Sie ist höflich, intelligent, und verkörpert durch ihr Spiel ein ganz liebes Wesen, obwohl sie in ihrer Lebenslage eigentlich nur sehr wenig zu lachen hatte. Ihre Stimme ist klar und vor allem deutlich. Sie gibt Mozart's Sterbeszene durch ihr lautloses Weinen eine ganz besondere Stimmung.


Dirk Volpert als Joseph II. sorgte für einige Lacher. Allein mit seiner Mimik kann er dem Zuschauer vermitteln, was er denkt. Viel gesagt hat er ja auch nicht und wenn, dann war es oft das Selbe. Sein "Tja, das wär's dann wohl!" war fast schon ein Running Gag und seine nach Hilfe suchenden Augen, wenn er nicht wusste, was er sagen sollte, amüsierten ebenso. Eine tolle Leistung zwischen dem zeitweiligen "italienischem Plapper di Plapper".

Uli Lussem als Graf Johann Kilian von Strack, Brian Kemson als Graf Franz Orsini-Rosenberg und Thomas Derenbach als Baron Gottfried van Swieten waren, um es mit einem Wort zu sagen, streng. Ihnen entglitt kein Gesichtszug, wenn sie auf Mozart trafen, denn das durften sie sich vor dem Kaiser nicht erlauben. Eindrucksvoll!

Das Duo Sebastian Dederichs und Martin Sobetzko als zwei "Venticellis" (Windchen), die das Stück insofern vorantrieben, dass sie Neuigkeiten verbreiteten, zeigten Spielfreude. Die Figuren wirkten in ihren Bewegungen und ihrer Ausdrucksweise allerdings ein wenig feminin. Susanne Holz spielte Salieri's Starschülerin Catarina Cavalieri. Sie hatte eine stumme Rolle und steckte in einem prachtvollen Kostüm.


Alles in allem ist diese Inszenierung sicherlich ein anschauungsvoller Geschichtsunterricht in Erzählform. Die zahlreichen Monologe Salieri's ziehen das Stück auf fast 2,5 Stunden in die Länge. Der Zuschauer wird manchmal zum Zuhörer und darf sich um so mehr auf die dann auflockernden gespielten Szenen freuen. Nun dreht sich bei Mozart und Salieri alles um die Musik, die man aber als Einspielung öfter hätte platzieren können; nicht nur, wenn Salieri in den Noten Mozarts blättert (wo die Musik vielleicht besser augeblendet als plötzlich abgebrochen würde) oder einer der Herren am Spinett Platz nimmt. Auch in andere Szenen hätte sie, was Musik nunmal tut, Atmosphäre schaffen dürfen. So wirkt vieles ein wenig nüchtern.

Fazit
Trotz dieser Kritikpunkte ist das Stück vor allem wegen des schauspielerischen Könnens sehenswert. Aber man muss Sitzfleisch haben und sich für die Geschichte interessieren.
Die Geschichte über den Kampf zweier höchst ungleicher Männer: hier das Genie mit all seinen Fragwürdigkeiten und dort die Tragik des vergeblich nach Höherem strebendenden Mittelmaßes.

Und darum:

Weitere Aufführungen: 08./09./15./16./22./23./29./30. Oktober 05

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