Der Sturm
Fantasiekomödie von William Shakespeare
Veranstalter: Harlekin-Theater Frechen

Regie: Uli Lussem

Ein Bericht von Ingo Brückner

Anders als sonst heißt es im Theater nicht "Licht an - Bühne frei" sondern "Licht aus - Tonband ab". So beginnt William Shakespeare's "der Sturm" mit einer Katastrophe, die sich vor dem geistigen Auge des Zuschauers abspielt, begleitet von ständigen Donnern und Blitzen, die eine Atmosphäre schaffen, als würden wir auf einem alten Segelschiff sitzen und in Seenot geraten. Man hört verzweifelte Stimmen von Menschen, die scheinbar um ihr Leben kämpfen: "Die Hölle ist ledig, und alle Teufel hier!" und letztendlich sinkt das Schiff auch. Es wird still und wie aus tiefem Schlaf erwachend öffnen sich des Zuschauer's Augen im grell scheinenden Scheinwerferlicht und finden sich auf einer bunten Insel wieder...
Die Geschichte:
Prospero, der rechtmäßige Herzog von Mailand, ist von seinem
heimtückischen Bruder Antonio im Bunde mit Alonso, dem König von Neapel, vom Thron gestoßen und auf ein einsames, ödes Eiland verbannt worden, wo er nun seit mittlerweile zwölf Jahren verbittert auf Rache sinnt. Von Gonzalo, dem ehrlichen alten Rat des neapolitanischen Königs noch insgeheim mit seinen geliebten Büchern versorgt, ist Prospero zum mächtigen Zauberer und uneingeschränkten Herrn über die Naturgewalten geworden. Als Alonso's Schiff auf der Heimfahrt von Tunis, an Prospero's Insel vorbeikommt, bricht der lange ersehnte Tag der Rache an. Prospero befiehlt dem ihm ergebenen Luftgeist Ariel, ein stürmisches Unwetter zu erregen, das das Schiff des Königs unmittelbar vor der Küste scheitern lässt.
Miranda, Prospero's warmherzige Tochter, die ihre wahre Herkunft nicht ahnt, beschwört ihren Vater, die tobenden Elemente zu besänftigen. Prospero beruhigt sie, niemand sei ein Leid geschehen, und er enthüllt ihr ihren wahren Stand und die Gründe seines Tuns.
Seinen treuen Ariel versieht Prospero mit neuen Befehlen, dann ruft er den missgestalteten Sklaven Caliban, den Sohn der Hexe Sycorax, herbei - jenen wilden Caliban, der sich einst an seiner Tochter vergehen wollte und den er seitdem in strengster Zucht hält.
Geleitet von Ariel irrt inzwischen Ferdinand, der Sohn des Königs von Neapel, auf der Insel umher, bis er auf Prospero und dessen Tochter stößt. Als Ferdinand und Miranda einander erblicken, erfasst sie tiefe Zuneigung zueinander. Das liegt ganz in Prospero's Sinn, doch will er es den beiden nicht zu leicht machen und drängt sich rauh und unwirsch dazwischen.

Alonso, der seinen Sohn ertrunken wähnt, irrt ebenfalls auf der Insel umher. Mit ihm der alte Gonzalo, Antonio und Alonso's Bruder Sebastian. Gonzalo, von der wunderbaren Rettung aus stürmischer Flut beseelt, versucht den König zu trösten, sicher habe auch Ferdinand überlebt. Enthusiastisch preist er die Schönheit der Insel: "Hier wäre der Platz, ein paradiesisches Königreich zu errichten, ohne Mühe, ohne Streit, mit einem schuldlosen Volk, genährt allein von der überquellenden Natur". Antonio und Alonso spotten ihn aus, sehen sie doch ringsum nur ödes Eiland. Da naht unsichtbar Ariel und lässt den König und seinen alten Rat Gonzalo in tiefem Schlaf versinken. Hellwach hingegen sieht Antonio seine große Chance gekommen. Geschickt schürt er Sebastian's unterschwelligen Hass auf Alonso: jetzt war die beste Gelegenheit, den ungeliebten Bruder umzubringen und sich selbst zum König zu machen. Schon scheint der unentschlossene Sebastian endlich zur Tat bereit, beide ziehen ihre Degen - da scheucht Ariel mit mächtigem Getöse die Schlafenden auf und rettet so ihr Leben.
Inzwischen stößt der Trunkenbold Trinculo auf den merkwürdigen Sklaven Caliban, den er zunächst für tot hält. Als neuerliches Unwetter heraufzieht, kriecht er unter dessen weiten Mantel. Da naht auch schon sein volltrunkener Kamerad Stephano (gespielt von Monika Frantzen), der sich bezeichnenderweise auf einem Fass Sekt gerettet hatte. Verwundert betrachtet er das unförmige vierbeinige Wesen vor ihm; als dieses auch noch mit zwei Stimmen zu reden beginnt und ihn gar beim Namen ruft, will er schon entfliehen - da gibt sich Trinculo zu erkennen. Gemeinsam beschließen sie die Insel zu ihrem Königreich zu machen. Caliban ermuntert sie noch, hofft er doch so den verhassten Prospero loswerden zu können.

Ferdinand, von Prospero zu mühevoller Arbeit gezwungen, leistet diese gern, darf er doch so seiner geliebten Miranda nahe sein. Zur Gattin hat er sie erkoren und herzlich willigt sie ein.
Durch Ariel's Künste angestachelt, geraten indessen Trinculo und Stephano in heftigen Streit, doch Caliban bedrängt sie, ihr Ziel nicht zu vergessen und Prospero umzubringen.
Auch Alonso und sein Gefolge werden von Ariel geneckt. Ausgehungert wie sie sind, gaukelt er ihnen zunächst eine reich gedeckte Tafel vor, erscheint endlich als Harpye, als Schicksalsgöttin, und weckt unvermittelt in ihrer Seele den bohrenden Schmerz des schlechten Gewissens. Wie von Furien gejagt entweicht der König samt seinem zwielichtigen Gefolge. Einzig der unschuldsvolle Gonzalo wird verschont.

Prospero erlöst Ferdinand von seinen strengen Pflichten und willigt in den Liebesbund mit Miranda ein. Ein köstliches Blendwerk seiner Kunst, in dem Ariel die Göttinen Iris, Ceres und Juno spielt, erfreut das junge Paar und segnet ihren Bund.
Noch ist aber an Caliban und seine mordlustigen Trinkgesellen zu denken. Wieder wird Ariel ausgesendet, jagt sie durch Strauch und Dorn und in den stinkende Pfuhl, neckt sie alsbald mit prächtigen königlichen Gewändern und hetzt sie schließlich in Gestalt von Hunden, Tigern und Panthern schreiend über die Insel.

So naht denn Prospero's Plan seiner Vollendung. Doch tiefes Mitleid mit den Gequälten erfüllt den sonst stets zum Spaßen aufgelegten Ariel - und auch Prospero's Gemüt regt sich. Der Rache überdrüssig, beschließt er seinen Feinden zu verzeihen. Unmenschliches waltet in seiner Zauberkunst, das spürt er jetzt. Flink führt Ariel die auf der Insel verstreuten Schiffbrüchigen zusammen, Alsonso schließt seinen totgeglaubten Sohn in die Arme. Auch seinem Bruder Antonio vergibt Prospero und endlich wollen auch Stephano, Trinculo und Caliban nichts mehr von ihren finsteren Plänen wissen.
Der Zauberei schwört Prospero nun endgültig ab, frei soll sein geliebter Ariel sein, wie dieser es schon lange ersehnt. Ein Mensch wie alle anderen auch, will Prospero von nun an sein. Er zerbricht seinen Stab, versenkt sein Zauberbuch; nicht Gewalt, nein, Gnade ist's, die den Mensch zum Menschen werden lässt: "Wo ihr begnadigt wünscht zu sein,
Lasst eure Nachsicht mich befrei'n."

Meine Meinung zum Stück:
Regisseur Uli Lussem hat großes Theater auf eine kleine Bühne gebracht. Ein nettes Bühnenbild und schöne aufwendige Kostüme runden den Gesamteindruck ab. Begleitet von einem Cello (Malin Schumacher) wurden die Szenen und Auftritte der einzelnen Figuren musikalisch untermalt.
Fragt man das Publikum nachdem der Vorhang gefallen ist über deren Meinung, hört man fast einstimmig "Schwere Kost" oder auch "Ich konnte dem Stück nicht folgen". Das macht die Inszenierung nicht schlecht, denn Shakespeare's Wortwahl ist bekanntlich manchmal schwierig, und so braucht es seine Zeit, sich in die Handlung des Stückes einzufinden.

Die mit Tonband dargestellte Seenot war spannend, aber etwas zu lang und leider auch akustisch schwer zu verstehen. Die Darsteller brillierten dann aber mit sehr guter Aussprache und Textsicherheit. Interessant war, dass alle Darsteller (bis auf das Ungeheuer Caliban) von Frauen gespielt wurden - zu Shakespeare's Zeiten übrigens undenkbar. Eine gute Wahl! Auch wenn es nicht gelang, das viehische Monster Caliban, wie beabsichtigt, dadurch hervorzuheben. Glücklicherweise wurden die Frauen nicht mit Bärten oder männlichen Zügen versehen, sondern spielten ganz natürlich und dadurch überzeugend. Allen voran Astrid Seggewiß, die den Sohn des Königs von Neapel darstellte und als solche die Tochter Prospero's ehelichen soll. Trotz langem Haar hat man ihr die Rolle hundertprozentig abgenommen. Schön war ihr Spiel mit den Holzbarren, die sie in Slapstick-Art ständig fallen ließ und den Zuschauern auch mal ein Lachen entlockte, das an diesem Abend sonst eher ausblieb. Auch Andrea Reiße als Prospero machte einen sehr majestätischen ernsten Eindruck. Ulrike Lussem als Ariel, der Luftgeist, spielte erfrischend sanft und munter zugleich, und auch das Duo Elke Post und Kristina Anselm als Sebastian und Antonio machen eine herrlich witzige Figur. Ebenso Monika Frantzen als ständig betrunkener Stephano bringen etwas mehr Bewegung, manchmal auch zu viel, in die doch eher textlastige Inszenierung.

Fazit:
Das Stück ist schwere Kost und einen Vorteil hat der, der die Geschichte bereits kennt. Es fehlt etwas die Bewegung und der nötige Pepp auf der Bühne, was dem Zuschauer viel Konzentration abverlangt und die Geschichte nicht unbedingt verständlicher macht. Jedoch überzeugtes und spielerisches Können aller Darsteller rechtfertigen die Wahl des Stückes:

... für Shakespeare-Kenner und -Liebhaber!

 

Und darum:

nach oben