| Wir
betreten die "Villa del Dottore". So steht es in großen
Lettern über der Tür, die in den Theatersaal des Frechener Harlekin-Theaters
führt. Das Licht erlischt pünktlich um 20.00 Uhr, und das Publikum
zuckt aufgeregt: "Oh, ist das spannend!"
Geschichtlicher
Hintergrund:
Genau 262 Jahre ist es her, als Carlo Goldoni das Stück "La
Donna di Garbo" (Eine Frau voller Anmut) seiner Komödiantentruppe
vorlas und dabei auf heftige Kritik stieß. Sie waren empört
darüber, dass eine Soubrette, die sonst traditionell in der Comedia
dell'arte eine Person niedrigen Standes
repräsentiert, die Hauptrolle übernehmen soll. Goldoni aber
wollte die Comedia dell'arte reformieren, indem er den Figuren die Masken
nahm und sie aus ihrer Gebundenheit an Herkunft und Stand löste.
Sie sollten Wirklichkeitsnähe und psychologische Glaubwürdigkeit
in der Darstellung zeigen. Und so beharrte er auf die Bevorzugung seiner
Geliebten, Soubrette (=Sopranrolle - junge Dienerin oder Kammermädchen)
Frau Boccerini, "eine junge, sehr hübsche , sehr lustige, sehr
kluge Florentinerin, rundlich, mollig, mit weißer Haut, schwarzem
Haar, lebhaftem Temperament und einer reizenden Aussprache". Diese
verstarb allerdings kurz vor der Première im Frühjahr 1743.
Erst 44 Jahre später wird das Stück in seinem Sinne uraufgeführt.
Kurz danach verstarb Goldoni. Michael Wedekind hat mit "Liebe, List
und Leidenschaft" eine gründliche Bearbeitung und Modernisierung
von Goldoni's "La Donna di Garbo" gewagt. Die Uraufführung
fand am 07.04.2001 in Ingolstadt statt. Die Presse lobte das Stück
als "turbulente, witzige und herrlich respektlose Neufassung (...)
mit griffigen Charakteren und höchst amüsanter Komödiantik
und wunderbar zeitgemäß".
Die
Geschichte:
Carlo Goldoni (gespielt von Horst Lange), ein Anwalt und Theaterdichter,
sitzt über seinem neuesten Werk: "La Donna di Garbo" -
ein Lustspiel über eine Frau, die gleich mehrere Rollen verkörpern
soll, ohne jedoch die Redeweise oder das Kostüm zu ändern, was
für eine "anmutige Frau" keine schwierige Aufgabe ist.
Während Goldoni schreibt, nimmt der Geist seiner Geliebten
(als Schatten hinter dem Vorhang) Stellung zu dem Stück und beeinflusst
Goldoni's Gedanken. Denn seine Geliebte, der er das Stück gedachte,
ist tot. Doch Goldoni erweckt sie in seinem Stück wieder zum Leben.
Die Theaterklingel schrillt, Goldoni öffnet den Vorhang und "La
Donna di Garbo" alias Rosaura Boccherini (gespielt von Susanne Holz)
entsteigt ihrem Totenbett und baut das Bühnenbild zum Spiel auf.
Rosaura, die Tochter einer Wäscherin in einer Vorstadt von Pavia,
lernt den jungen Sohn des Dottore und Studenten Florindo (gespielt von
Sebastian Winkelnkemper) in ihrer Heimatstadt kennen, der ihr erst alles
verspricht und sie dann wegen einer anderen klammheimlich verlässt.
Rosaura reist ihm hinterher und schafft es, eine Anstellung im Hause des
Vaters Dottore in Bologna zu bekommen. Gerade mal eine Woche ist Rosaura
als Dienstmädchen im Hause und schon geht nichts mehr ohne sie: Diana,
die Tochter des Dottore (gespielt von Eva Koch) braucht sie, um einen
Liebesbrief an ihren heißgeliebten Momolo (gespielt von Sebastian
Dederichs) zu schreiben.
Ottavio, der erste Sohn Dottore's (gespielt von Helge Volkening), hat
durch Rosaura die besten Eingebungen, welche Zahlen er bei der Lotterie
setzen soll. Beatrice, Ottario's Frau (gespielt von Kristina Anselm) kann
sich nur mit Rosaura über die neueste Mode und Outfits unterhalten.
Lelio, ein Bürger aus Bologna (gespielt von Heinz Horst), findet
bei Rosaura Verständnis, wenn das Geld fehlt, um fürs Kartenspiel
zu setzen. Arlecchino, der Diener beim Dottore (gespielt von Thomas Derenbach)
und ewig Hungrige, darf sich mit ihrer Hilfe endlich mal richtig den Bauch
voll schlagen. Selbst der Dottore (gespielt von Horst Lange) holt sich
bei ihr Rat, wenn er einen schwierigen Prozess vor sich hat.
  
Rosaura, eine
so kluge und gut aussehende Frau – da muss man sich verlieben. Und
das tun denn auch die Männer, einer nach dem anderen.
  
Doch Rosaura's
Herz gehört Florindo, weswegen sie ja schließlich im Hause
des Vaters arbeitet, um Florindo bei seiner Rückkehr gebührend
zu empfangen. Die Überraschung gelingt, zumal der Ungetreue mit einer
neuen Braut Isabella (gespielt von Dorothee Bornemann),
als Mann verkleidet, erscheint. Rosaura erkennt Isabella und stellt Florindo
zur Rede, der sich windet und versucht, sie wieder für sich zu gewinnen.
Doch Rosaura eröffnet ihm, dass sie bereits am nächsten Tag
einen anderen heiraten könnte. Die Rückkehr Florindo's und sein
bestandenes Studium werden gefeiert und Rosaura will spielerisch aber
durchaus mit Hintergedanken einen Prozess vor Florindo's Vater durchspielen.
Es geht natürlich um Heiratsschwindel. Rosaura gewinnt souverän
und entlarvt somit seine nur mangelhaften juristischen Kenntnisse. Zur
Feier des Tages gibt Dottore bekannt, dass er Rosaura ehelichen wird.
Florindo ist empört und gibt preis, dass er ihr bereits vorher die
Ehe versprochen hat. Es kommt zum Eklat zwischen
allen Beteiligten, Isabelle nimmt sich kurzerhand Lelio, Diana bekommt
ihren Momolo und Rosaura? Tja, nicht wie in Goldoni's Werk heiratet sie
am Ende Florindo sondern Arlecchino, den kleinen Wurm des Hauses, der
sie aber wirklich versteht. Und Florindo? Er ist die betrogenen Bräute
los und freut sich darüber...Männer!
Meine
Meinung zum Stück:
Der Gedanke, wieder ein altbackenes Stück ansehen zu müssen,
war schnell verflogen. Zuerst einmal muss man dem Autor Michael Wedekind
für diese herrlich spritzige Neufassung von Goldoni's Werk danken.
Mein Eindruck während der Aufführung war: Die Darsteller müssen
richtig Spaß bei den Proben gehabt haben. Grund sind die vielen
neu eingebauten Gags und Anspielungen auf den Spielort Frechen oder auf
die Darsteller selbst (Susanne Holz: "Ich bin doch nicht aus Holz,
ich heiße nur so!"). Aber auch
die Sprache des Stückes, die Wedekind "peppig" und "lebensprall"
in die heutige Zeit versetzte, brachte viele Lacher hervor und machte
auch die Charakteren sehr natürlich. Auch wenn hin und wieder ein
paar Sätze des Originaltextes auftauchen, wirkt dies in den verschiedenen
Situationen um so komischer.
Regisseur Wilhelm H. Schröder verstand es, das Publikum mit seiner
Inszenierung unter Spannung zu halten. Das Stück hat ein rasantes
Tempo, ständig flitzt ein Darsteller über die Bühne und
ruft den Diener Arlecchino, der sich in diesem Chaos jedoch nicht aus
der Ruhe bringen lässt. In der Pause hört man das Publikum gerade
über ihn reden. Man nimmt immer die selben Worte wahr: "Was
für eine Mimik". Und dem kann ich nur zustimmen: Thomas
Derenbach spielt sich in die Herzen der Zuschauer. Er scheint
für die Rolle des gefräßigen, einfachen Dieners Arlecchino
geboren zu sein. Er zeigt ein unglaubliches Repertoire an Gesichtsausdrücken
und wirkt in der ganzen Hektik des Stückes doch immer recht entspannt.
Er kann definitiv viele Lacher für sich buchen. Doch jeder Darsteller
zeigte an diesem Abend großes Können und eine gehörige
Portion Spielfreude. Susanne
Holz spielte die "anmutige" Rosaura derb, nett, sinnlich
und intelligent - eben so, wie Goldoni sich die Rolle wahrscheinlich vorstellte.
Unbeschwert nahm sie Kontakt mit den Frauen im Publikum auf und lästerte
(böse, böse) über die Männerwelt: "Wenn alle
Männer hier, die ihre Frauen betrogen haben, vom Teufel geholt werden,
sind wir schnell unter uns". Ihre Erfahrung mit Goldoni muss man
nach seinem Werk "Die Wirtin", in der sie die, sagen wir ähnliche
Charaktere "Mirandolina" spielte, hoch anerkennen.
Horst Lange, ebenfalls ein alter Hase im Harlekin-Theater, spielte
gewohnt souverän, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Mit
seiner ruhigen Stimme als Goldoni leitet er das Stück ein und beendet
es mit einem Nachruf. Und man hört ihm gerne zu. In der Rolle des
Dottore gefällt seine schlaksige Haltung und seine offensichtliche
geistige Unterlegenheit gegenüber der klugen Rosaura, die ihm erklärt,
wie sein aktueller Fall zu gewinnen ist, und er ziemlich blöd ins
Publikum grinst und "nur Bahnhof" versteht. Sebastian
Winkelnkemper als Florindo bewegt
sich gekonnt arrogant über die Bühne und weiß, sich in
Szene zu setzen. Wie in jeder Inszenierung spielt er auch hier lautstark
und mit vollem Körpereinsatz den Liebhaber und Täuscher. Helge
Volkening als Ottavio wirkt überzeugend als spielsüchtiger
Sohn des Dottore, der nicht nur sein Leben sondern auch seine Ehe mit
Beatrice nicht im Griff hat. Mit seinen Eingebungen, die richtigen Lottozahlen
zu ergründen, gewinnt auch er manche Lacher, wirkt insgesamt aber
noch ein wenig unbeholfen. Vielleicht auch deshalb, weil, wie er selbst
sagt, die Rolle "irgendwie das Gegenteil von mir darstellt".
Kristina Anselm als schönheitsbesessene Schnapsdrossel
Beatrice ist herrlich schrill und sinnlich zugleich. Es ist eine Freude,
Ihr zuzusehen, wie sie besessen vom Kartenspiel ist und dabei herrlich
offensichtlich fuscht. Von einer Minute zur anderen wechselt sie von der
liebevollen Gespielin zum herrschenden Vamp, wenn sie ihrem Spielpartner
Lelio befiehlt, für ein weiteres Spiel "Sitz" zu machen,
um ihm daraufhin wieder schöne Augen zu machen, um so vielleicht
den Spieleinsatz zu erhöhen. Ihren Frust über Ihre Ehe kippt
sie mit Alkohol zu und wirkt dabei richtig niedlich. Sicherlich ist Beatrice
eine Rolle, in der sie sich voll austoben konnte. Eva Koch,
ein "Frischling" im Ensemble
sammelte bereits im Stück "Studentenfutter" Erfahrung in
der Rolle als schüchternes kleines Mädchen und konnte davon
in Goldoni's Stück profitieren. Als Diana spielte sie wieder gekonnt
das Naivchen, das nicht weiß, wie es um die Gunst von Momolo kämpfen
soll und sich in einem Wäscheeimer ertränken will. Heinz
Horst mimte den Bürger aus Bologna, Lelio. Auch ihm hat
man den Spaß an seiner Rolle ansehen können. Beim Kartenspiel
mit Beatrice spielte er lustig den Unterwürfigen und mit der Situation
völlig überforderten Gegenspieler. Sebastian Dederichs
bewegt sich ebenfalls gewohnt sicher über die Bühne. Seine Bewegungen
insbesondere als feuriger und heißblütiger Momolo lassen die
Frauenherzen nicht nur auf der Bühne "auf höchster Frequenz"
schlagen. Er tanzt und flirtet sich durch das Geschehen und macht dabei
eine ganz gute Figur.
Und zuletzt Dorothee Bornemann als Isabella. Verkleidet
als Mann hätte ich mir ein bißchen mehr Männlichkeit,
z. B. mit tieferer Stimme, gewünscht. Das hätte ihre Rolle sicherlich
noch witziger gemacht. Trotzdem macht sie ihre Sache gut.
Fazit:
Eine rundum saubere Inszenierung mit irrem Tempo, viel gespielter Komik,
tollen Darstellern, schönem Bühnenbild, lustiger Musik, feinen
Kostümen und, um eine Zuschauerin zu zitieren: "Es war so toll!",
worauf offensichtlich eine Ehefrau eines der Spieler kommentierte: "Dafür
haben die ja auch lange genug geprobt" - Aber, das war die Sache
doch wert, oder?! Die Zuschauer dankten es mit mehrfachem Szenenapplaus
und lang anhaltendem Endapplaus.
Danke Goldoni,
danke Wedekind, danke Harlekin-Theater für diesen schönen Theaterabend.
Und darum:
 Weitere
Aufführungen:
17./23./24./29.
April 05
01./05./07./08./21./25./26./29.
Mai 05
03./05./10./11./12.
Juni
05
oben
|