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Parasitismus
ist die Wechselwirkung von Organismen unterschiedlicher Arten, bei denen
der Vertreter einer Art, der Parasit, Nutznießer
und der Vertreter der anderen Art, der Wirt, der Geschädigte ist.
Der Parasit schädigt seinen Wirt, tötet ihn
aber nicht, weil er dessen Existenz zu seinem eigenen Überleben braucht,
oder er schwächt ihn soweit, bis er abstirbt und sucht sich dann
ein neues Opfer.
Wir
nehmen Platz im Theatersaal des Theaters "Der Keller" und schauen
auf die leicht beleuchtete Bühne. Ein Vorhang aus Gaze in den Farben
"Schwarz, Rot, Gold" lässt einen Blick auf das Bühnenbild
zu, dass ebenfalls in den "deutschen" Farben gehalten wird:
Schwarze Wand, fünf rote Türen und gold-gelber Boden. Was es
damit wohl auf sich hat?
Das Spiel beginnt! Der durchsichtige Vorhang bleibt geschlossen. Auf die
Bühne tritt Monsieur Firmin (Peter Schwab), ein strubbeliger Beamter,
der sich offensichtlich Zeit lässt, mit der Arbeit zu beginnen: Er
kocht seinen Tee, raucht genüsslich seine Zigarette und bläst
dabei blaue Dunstringe in die Luft. Ein gewöhnlicher morgendlicher
Beamtenstart? Deshalb vielleicht die Deutschlandfahne? Ein Schelm, wer
böses dabei denkt...
Die Geschichte:
La Roche (Andreas
Külzer), ein Schreiber im Ministerium, wird unverschuldet von seinem
ehemaligen Jugendfreund Selicour (Bernd Reheuser) entlassen, der inzwischen
eine hohe Stellung im Ministerium hat. Als La Roche zufällig seinen
Kollegen, Herrn Firmin, einen sehr fähigen, bescheidenen und deshalb
kaum auffälligen Angestellten, und dessen Sohn Karl (Markus Kloster),
einen jungen Leutnant und Dichter, trifft und von Karl's unstandesgemäßer
Liebe zu Narbonne's Tochter Charlotte (Ivana Langmajer) erfährt,
beschließt er empört, dem Minister
Narbonne (Reinhard Schulat) von Selicour's Heuchelei und Hochstapelei
zu berichten. Dieser soll nämlich unter Narbonne's kürzlich
verstorbenen Vorgänger dessen ungesetzliche Machenschaften unterstützt
und daraus finanzielle sowie Vorteile für seine Karriere gezogen
haben. Und Selicour wolle nun mit allen Mitteln die eigene Unfähigkeit
vor Narbonne's scharfen Augen verbergen und seine Stellung sichern, indem
er schnellstmöglich seine Beförderung auf einen Gesandtschaftsposten
ins Ausland und seine Heirat mit Charlotte einzuleiten versuche, behauptet
La Roche. Doch das Gespräch mit dem Minister verläuft eindeutig
zum Vorteil des Beschuldigten, der sich geschickt und glaubhaft verteidigt
und La Roche sogar eine bessere Stelle anbietet, als Narbonne ihn zu
seiner Rechtfertigung auffordert. Ist Selicour nun wirklich so unehrlich
und eigennützig, oder behält Herr Firmin recht, wenn er ihn
zwar für ehrgeizig, in seinem Amt für überfordert, aber
im Grunde genommen für so anständig hält, daß er
Unterstützung verdient hat? La Roche jedenfalls hält unbeirrt
an seiner Meinung fest, während der junge Karl sich angesichts von
Selicour's plötzlicher Hilfsbereitschaft darauf einlässt, ihm
eines seiner Liebesgedichte an Charlotte für einen öffentlichen
Vortrag im Hause von Narbonne zur Verfügung zu stellen. Karl erhofft
sich kurzzeitig, auf diese Weise Charlottes Herz gewinnen
zu können, bemerkt aber schon bald, eine Dummheit begangen zu haben,
als er feststellen muss, dass Selicour das Gedicht als sein Gedankengut
ausgibt.
Der Minister fordert von Selicour eine Aufstellung aller dunklen Machenschaften
seines Vorgängers, und der alte Firmin kommt Selicour mit seiner
bereits vollständigen Auflistung da sehr entgegen. Uneigennützig
überlässt er den Aufsatz Selicour. Monsieur Firmin geht es dabei
nur um die gute Sache. Er ist froh, sich einbringen zu können und
denkt nicht daran, dass er hintergangen werden könnte. Als Minister
Narbonne die Firmins dann überraschend zu sich nach Hause einlädt,
werden ihnen die Augen dafür geöffnet, was für ein Spiel
mit ihnen getrieben wurde. Es kommt, wie es kommen musste: Selicour wird
überführt...
"Diesmal
hat den Verdienst den Sieg behalten. – Nicht immer ist es so. Das
Gespinst der Lüge umstrickt den Besten; der Redliche kann nicht durchdringen;
die kriechende Mittelmäßigkeit kommt weiter, als das geflügelte
Talent; der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf
der Bühne."
Diese Sicht der Dinge kann
man mehrfach deuten: Schiller's Stück endet hier. Ein Happy-End,
bei dem Selicour entlarvt, La Roche wieder eingestellt wird und Firmin
endlich in wahrem Glanz erstrahlt. Doch Zanger gab zwei weitere Schlussszenen
dazu. Das Ensemble kehrt zurück in die Entlarvungsszene – und
La Roche nimmt Sélicours Platz ein, Firmin bleibt im Schatten.
Doch nicht? Dann so: Firmin verleugnet seine kritische Haltung zur Regierung,
scheut die Verantwortung und hilft mit, dass Selicour an der Macht bleibt.
Diesen Dreifach-Schluss behielt
Zanger bei, und entließ das Publikum gleich dreimal mit den bitterbösen
Worten Schillers: «Der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit
ist nur auf der Bühne.» Wenn überhaupt.
Meine Meinung zum Stück:
Ganz klar!
Zanger wählte die Art der Inszenierung so, weil das Thema in die
heutige Zeit passt, und weil es auch zu Deutschland, ja sogar zu Köln
passt. Klar macht er es nicht nur durch sein Bühnenbild sondern auch
durch die Sprache. Schiller's Figur Selicour spricht in Zanger's Stück
von Haus aus Kölsch, driftet in Diskussionen sogar mal in eine Sprache
ab, die sehr an Adolf Hitler erinnert, was nicht zuletzt auch durch den
"versehentlichen" Hitlergruß, jedoch mit geschlossener
Hand, verdeutlicht wird. Sehr gewagt aber keinesfalls anstößig!
Dann auch noch des Minister's kurze Kohl-Imitation und zuletzt der Hinweis
im Programmheft über den "Leitfaden zum Verfahren bei der Aufdeckung
von Korruption" der Stadt Köln... Herausragend an diesem Theaterabend
war ohne Zweifel Bernd Reheuser als der Parasit "Selicour".
Er lebte diese Rolle, und ich wage die Vermutung, dass kein anderer diesen
Part so überzeugend gespielt hätte wie er: Sein Auftreten war
böse, sein Verhalten
hinterlistig, seine Mimik dazu grandios. Er scharwenzelte wie ein stolzer
Pfau über die Bühne oder verkroch sich steif in seinem Anzug,
und dennoch umging er jedem Fettnäpfchen, zeigte dabei auch grausam
offen, wie blind die Umwelt auf Falschheit und Heuchelei hereinfällt,
sofern ihr heftigst geschmeichelt wird. Und er wusste es auch , als Schauspieler
zu glänzen, denn obwohl er so bösartig spielte, gewann er von
Anfang an die Sympathie der Zuschauer, die ihn am Ende mit Bravo-Rufen
feierten.
Auch
Reinhard Schulat spielte den naiven Minister Narbonne
überzeugend ruhig und autoritär zugleich. La Roche-Darsteller
Andreas Külzer hatte sichtlich
Spaß in seiner Rolle als Widersacher Selicour's. Dass La Roche schwul
zu sein scheint, hätte Schiller zwar nicht zugelassen, aber in der
heutigen Zeit ist dies ja allgegenwärtig. Ob ein Mensch auch Spaß
dabei hat, Rache zu nehmen, wenn man dabei um seine eigene Existenz kämpfen
muss, bleibt fraglich.
Fazit:
Wieder eine gelungene Inszenierung im Theater der Keller. Nach einem etwas
langatmigen Anfang geht es auf der Bühne richtig zur Sache. Eine
sehr lustige Darbietung, die uns ein Thema serviert, welches uns sicherlich
nachdenklich macht; mit viel Liebe zum Detail und tollen Darstellern.
Weitere Vorstellungen: 12./15.-20. März 2005/12.-15./22.-24. April
2005
 Und
darum: 
Fotos:
© Matthias Jung
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