Der Parasit
oder die Kunst, sein Glück zu machen
von Friedrich Schiller (nach Louis-Benoit Picard)
Regie: Meinhard Zanger


Ein Bericht von Ingo Brückner

Parasitismus ist die Wechselwirkung von Organismen unterschiedlicher Arten, bei denen der Vertreter einer Art, der Parasit, Nutznießer und der Vertreter der anderen Art, der Wirt, der Geschädigte ist. Der Parasit schädigt seinen Wirt, tötet ihn aber nicht, weil er dessen Existenz zu seinem eigenen Überleben braucht, oder er schwächt ihn soweit, bis er abstirbt und sucht sich dann ein neues Opfer.

Wir nehmen Platz im Theatersaal des Theaters "Der Keller" und schauen auf die leicht beleuchtete Bühne. Ein Vorhang aus Gaze in den Farben "Schwarz, Rot, Gold" lässt einen Blick auf das Bühnenbild zu, dass ebenfalls in den "deutschen" Farben gehalten wird: Schwarze Wand, fünf rote Türen und gold-gelber Boden. Was es damit wohl auf sich hat?
Das Spiel beginnt! Der durchsichtige Vorhang bleibt geschlossen. Auf die Bühne tritt Monsieur Firmin (Peter Schwab), ein strubbeliger Beamter, der sich offensichtlich Zeit lässt, mit der Arbeit zu beginnen: Er kocht seinen Tee, raucht genüsslich seine Zigarette und bläst dabei blaue Dunstringe in die Luft. Ein gewöhnlicher morgendlicher Beamtenstart? Deshalb vielleicht die Deutschlandfahne? Ein Schelm, wer böses dabei denkt...

Die Geschichte:
La Roche (Andreas Külzer), ein Schreiber im Ministerium, wird unverschuldet von seinem ehemaligen Jugendfreund Selicour (Bernd Reheuser) entlassen, der inzwischen eine hohe Stellung im Ministerium hat. Als La Roche zufällig seinen Kollegen, Herrn Firmin, einen sehr fähigen, bescheidenen und deshalb kaum auffälligen Angestellten, und dessen Sohn Karl (Markus Kloster), einen jungen Leutnant und Dichter, trifft und von Karl's unstandesgemäßer Liebe zu Narbonne's Tochter Charlotte (Ivana Langmajer) erfährt, beschließt er empört, dem Minister Narbonne (Reinhard Schulat) von Selicour's Heuchelei und Hochstapelei zu berichten. Dieser soll nämlich unter Narbonne's kürzlich verstorbenen Vorgänger dessen ungesetzliche Machenschaften unterstützt und daraus finanzielle sowie Vorteile für seine Karriere gezogen haben. Und Selicour wolle nun mit allen Mitteln die eigene Unfähigkeit vor Narbonne's scharfen Augen verbergen und seine Stellung sichern, indem er schnellstmöglich seine Beförderung auf einen Gesandtschaftsposten ins Ausland und seine Heirat mit Charlotte einzuleiten versuche, behauptet La Roche. Doch das Gespräch mit dem Minister verläuft eindeutig zum Vorteil des Beschuldigten, der sich geschickt und glaubhaft verteidigt und La Roche sogar eine bessere Stelle anbietet, als Narbonne ihn zu seiner Rechtfertigung auffordert. Ist Selicour nun wirklich so unehrlich und eigennützig, oder behält Herr Firmin recht, wenn er ihn zwar für ehrgeizig, in seinem Amt für überfordert, aber im Grunde genommen für so anständig hält, daß er Unterstützung verdient hat? La Roche jedenfalls hält unbeirrt an seiner Meinung fest, während der junge Karl sich angesichts von Selicour's plötzlicher Hilfsbereitschaft darauf einlässt, ihm eines seiner Liebesgedichte an Charlotte für einen öffentlichen Vortrag im Hause von Narbonne zur Verfügung zu stellen. Karl erhofft sich kurzzeitig, auf diese Weise Charlottes Herz gewinnen zu können, bemerkt aber schon bald, eine Dummheit begangen zu haben, als er feststellen muss, dass Selicour das Gedicht als sein Gedankengut ausgibt.
Der Minister fordert von Selicour eine Aufstellung aller dunklen Machenschaften seines Vorgängers, und der alte Firmin kommt Selicour mit seiner bereits vollständigen Auflistung da sehr entgegen. Uneigennützig überlässt er den Aufsatz Selicour. Monsieur Firmin geht es dabei nur um die gute Sache. Er ist froh, sich einbringen zu können und denkt nicht daran, dass er hintergangen werden könnte. Als Minister Narbonne die Firmins dann überraschend zu sich nach Hause einlädt, werden ihnen die Augen dafür geöffnet, was für ein Spiel mit ihnen getrieben wurde. Es kommt, wie es kommen musste: Selicour wird überführt...


"Diesmal hat den Verdienst den Sieg behalten. – Nicht immer ist es so. Das Gespinst der Lüge umstrickt den Besten; der Redliche kann nicht durchdringen; die kriechende Mittelmäßigkeit kommt weiter, als das geflügelte Talent; der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne."

Diese Sicht der Dinge kann man mehrfach deuten: Schiller's Stück endet hier. Ein Happy-End, bei dem Selicour entlarvt, La Roche wieder eingestellt wird und Firmin endlich in wahrem Glanz erstrahlt. Doch Zanger gab zwei weitere Schlussszenen dazu. Das Ensemble kehrt zurück in die Entlarvungsszene – und La Roche nimmt Sélicours Platz ein, Firmin bleibt im Schatten. Doch nicht? Dann so: Firmin verleugnet seine kritische Haltung zur Regierung, scheut die Verantwortung und hilft mit, dass Selicour an der Macht bleibt.

Diesen Dreifach-Schluss behielt Zanger bei, und entließ das Publikum gleich dreimal mit den bitterbösen Worten Schillers: «Der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne.» Wenn überhaupt.

Meine Meinung zum Stück:
Ganz klar! Zanger wählte die Art der Inszenierung so, weil das Thema in die heutige Zeit passt, und weil es auch zu Deutschland, ja sogar zu Köln passt. Klar macht er es nicht nur durch sein Bühnenbild sondern auch durch die Sprache. Schiller's Figur Selicour spricht in Zanger's Stück von Haus aus Kölsch, driftet in Diskussionen sogar mal in eine Sprache ab, die sehr an Adolf Hitler erinnert, was nicht zuletzt auch durch den "versehentlichen" Hitlergruß, jedoch mit geschlossener Hand, verdeutlicht wird. Sehr gewagt aber keinesfalls anstößig! Dann auch noch des Minister's kurze Kohl-Imitation und zuletzt der Hinweis im Programmheft über den "Leitfaden zum Verfahren bei der Aufdeckung von Korruption" der Stadt Köln... Herausragend an diesem Theaterabend war ohne Zweifel Bernd Reheuser als der Parasit "Selicour". Er lebte diese Rolle, und ich wage die Vermutung, dass kein anderer diesen Part so überzeugend gespielt hätte wie er: Sein Auftreten war böse, sein Verhalten hinterlistig, seine Mimik dazu grandios. Er scharwenzelte wie ein stolzer Pfau über die Bühne oder verkroch sich steif in seinem Anzug, und dennoch umging er jedem Fettnäpfchen, zeigte dabei auch grausam offen, wie blind die Umwelt auf Falschheit und Heuchelei hereinfällt, sofern ihr heftigst geschmeichelt wird. Und er wusste es auch , als Schauspieler zu glänzen, denn obwohl er so bösartig spielte, gewann er von Anfang an die Sympathie der Zuschauer, die ihn am Ende mit Bravo-Rufen feierten.

Auch Reinhard Schulat spielte den naiven Minister Narbonne überzeugend ruhig und autoritär zugleich. La Roche-Darsteller Andreas Külzer hatte sichtlich Spaß in seiner Rolle als Widersacher Selicour's. Dass La Roche schwul zu sein scheint, hätte Schiller zwar nicht zugelassen, aber in der heutigen Zeit ist dies ja allgegenwärtig. Ob ein Mensch auch Spaß dabei hat, Rache zu nehmen, wenn man dabei um seine eigene Existenz kämpfen muss, bleibt fraglich.

 

Fazit:
Wieder eine gelungene Inszenierung im Theater der Keller. Nach einem etwas langatmigen Anfang geht es auf der Bühne richtig zur Sache. Eine sehr lustige Darbietung, die uns ein Thema serviert, welches uns sicherlich nachdenklich macht; mit viel Liebe zum Detail und tollen Darstellern. Weitere Vorstellungen: 12./15.-20. März 2005/12.-15./22.-24. April 2005

Und darum:

Fotos: © Matthias Jung

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