Ein Bericht von Ingo Brückner

Schon am Eingang des Harlekin-Theaters ist die Musik einer Drehorgel zu hören, die eine fröhliche Atmospähre im Foyer schafft und so auf das Kinderstück einstimmt. An der Kasse wird jedem Kind ein Stern aus Ton als Andenken an Peterchens Mondfahrt überreicht. An den Wänden hängen Bilder, die einen Ausblick auf Peterchens Stationen auf dem Weg zum Mond verschaffen.
Kinder kann man bei dieser 19.00 Uhr Vorstellung nur wenige finden, aber die Freude auf das Theaterstück ist ihnen anzusehen, und so drängen sie mit Papa und Mama bereits schon lange vor Einlass vor der Türe, um den besten Sitzplatz ergattern zu können. Die Tür geht auf und schnell füllt sich der Saal. Ein beleuchtetes Klavier vor dem geschlossenen roten Samtvorhang lässt Theateratmosphäre aufkommen. Der Vorhang öffnet sich und zu sehen ist ein Kinderzimmer. Das Zimmer von Anneliese und Peter, die sich bereits im Nachthemd befinden und spielen. Im Hintergrund sieht man eindrucksvoll den Mond, der ein ruhiges Licht auf die Szene wirft.

Die Geschichte:
Peter und Anneliese liegen in Ihren Betten, als ein dicker Maikäfer namens Sumsemann ins Zimmer herein brummt. Er hat ein paar Vergissmeinnichtlikörchen über den Durst getrunken und ist sehr traurig: Ein Huhn hatte seine Frau gefressen, da sie tagsüber, wenn Maikäfer eigentlich schlafen, draußen spazieren ging. Herr Sumsemann war der letzte Sohn einer berühmten Familie. Vor vielen hundert Jahren nämlich, als der Urahn der Familie Sumsemann sich gerade verheiratet hatte, geschah ein großes Unglück. Er war mit seiner kleinen Frau im Wald spazierengeflogen - an einem schönen Sonntagabend. Sie hatten viel gegessen und ruhten sich ein wenig auf einem Birkenzweiglein aus. Da sie aber sehr mit sich selbst beschäftigt waren, denn sie waren jung verheiratet, merkten sie nicht, dass ein böser Mann durch den Wald herbei kam; ein Holzdieb, der am Sonntag stehlen wollte. Der schwang plötzlich seine Axt und hieb die Birke um. Und so schrecklich schlug er zu, dass er dem Urgroßvater Sumsemann ein Beinchen abschlug. Sie wurden ohnmächtig und als sie wieder zu sich kamen, stand eine schöne Frau, die Nachtfee, vor ihnen und verkündete, dass der Holzdieb bestraft sei; sie habe ihn mitsamt dem Holz, das er umgeschlagen hat, auf den höchsten Mondberg verbannt. Schnell stellten die Sumsemanns fest, dass auch das abgehackte Beinchen dorthin geraten sein muss. Die Fee bedauerte dieses Missgeschick, da nun alle Nachkommen der Sumsemanns mit fünf anstatt sechs Beinen geboren werden. Sie erlaubt den Sumsemanns daher, dass gute Menschen, die noch keinem Tier ein Haar gekrümmt haben, sich auf den Weg zum Mond machen dürfen, um das Beinchen zurückzuholen. So machte sich die Familie der Sumsemanns, wie auch viele andere Tiere, auf die Suche nach tierlieben Kindern. Doch sie wurden immer totgeschlagen. Einer blieb noch übrig: Der Herr Sumsemann, dessen Frau von einem Huhn gefressen wurde. Er ist ein sehr vorsichtiger Mann, hält sich immer ein wenig abseits von den anderen Maikäfern, und besonders, seit seine Frau tot ist, liebt er die Einsamkeit.

Als er nun im Zimmer von Peter und Anneliese ankommt, wird er auch sogleich von ihnen entdeckt, worauf er sich erst einmal tot stellt - ein altes und bewährtes Mittel bei den Maikäfern in großen Gefahren. Doch schnell gewinnen Peter und Anneliese sein Vertrauen, stellten ihm viele Fragen, und Herr Sumsemann erzählt ihnen seine Geschichte. Plötzlich entdeckt Peterchen auch, dass ihm ein Beinchen fehlt. Sofort ist ihnen klar, dass sie Herrn Sumsemann bei der Suche nach seinem Beinchen helfen wollen. Der freut sich riesig darüber, hat aber zugleich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, denn eine gefährliche Reise steht ihnen bevor.

Auf ihrer Reise besuchen die drei das Sandmännchen, das eine hohe Persönlichkeit im Himmelsraum ist, auf seiner Sternenwiese und bitten es um Hilfe. Das ist erst einmal gar nicht hilfsbereit, ist es doch sehr erbost darüber, dass es von Erdenwesen besucht wird, die gar nichts bei ihm zu suchen haben. Doch die Besucher bringen ihm kleine Geschenke und schaffen es so, das Sandmännchen zu überzeugen. Es überlegt kurz und schlägt vor, die drei zur Nachtfee zu bringen, die um Mitternacht einen Kaffeeklatsch mit den Naturgeistern macht. So könnten sie sich den Beistand bei allen Geistern holen.

Mit dem Mondschlitten fahren sie auf der Milchstraße zum Schloss der Nachtfee, wo sich die Naturgeister gerade einfinden: Donnermann, Blitzhexe, Windliese, Sturmriese, Wolkenfrau, Wassermann, Regenfritz, Eismax, Sonne, Milchstraßenmann und zum Schluss natürlich der Sandmann mit seinem Gefolge, der den ungläubigen Blicken ausweicht und sein Anliegen vorträgt. Alle sind vom Mut der Kinder entzückt und bieten ihre Hilfe an, den Mand im Mond zu bezwingen, um das Beinchen zurück zu erhalten.



Die Nachtfee befiehlt dem Milchstraßenmann, den großen Bären zu holen, auf dessen Rücken sie zum Mond fliegen sollen. Doch der Bär ist heute gar nicht gut gelaunt und muss erst einmal von Anneliese mit ein paar Leckereien besänftigt werden. Als das gelingt, machen sich die drei auf die Weiterreise und landen schließlich auf dem Mond.

Dort begegnen sie zunächst dem Weihnachtsmann, der eine Rakete besitzt. Nur mit dieser Rakete schaffen sie es auf den höchsten Berg des Mondes. Peterchen, Anneliese und der völlig verängstigte Herr Sumsemann steigen ein und werden nun alleine auf den Berg geschossen. Dort finden sie sehr schnell das abgeschlagene Holzstück, auf dem das gesuchte Beinchen hängt. Es dauert nicht lange, bis sie dem bösen Mann im Mond begegnen. Peter und Annliese bitten ihn, das Beinchen zurück zu geben, bieten ihm Äpfel und Pfefferkuchen an, die er mit großem Heißhunger verschlingt. Das ist ihm aber nicht genug, und so macht er sich über Peters Hampelmann und Annelieses Püppchen her. Weil er damit seinen Hunger noch immer nicht stillen kann, zieht er plötzlich ein Messer und nähert sich den beiden Kindern. Peter ruft die Naturgeister herbei, die ihm helfen, den Mondmann zu besiegen: Blitz und Donner, der Wassermann und Regenfritz, der Sturmriese und die Windliese. Sie beeindrucken den Mondmann, fügen sie ihm doch großen Schaden zu. Doch der Mondmann gibt nicht auf. Als er sich zum vierten Mal auf die Kinder stürzen will, erscheinen die Sternenkinder, deren Licht ihn blendet. Diese Chance nutzt Peterchen, um das Beinchen zu holen.

Am Ende sind alle glücklich, besonders Herr Sumsemann, der sein sechstes Beinchen wieder hat und mit den Kindern zur Erde zurückkehren darf. Er beendet die Reise mit den Kindern im Arm: "Mutter Erde, wir rufen dich an: Fern dir führte uns unsere Bahn; Hör uns, unsere Not war groß; Nimm uns wieder in deinen Schoß".

Peterchen und Anneliese befinden sich wieder in ihren Betten, als sie die Stimme der Mutter hören: "Aufstehen, aufstehen, Kinderlein! Die Sonne ist schon über der Wiese! Aufstehen, Peterchen, Anneliese!". Die Kinder werfen einen Blick durch das Zimmerfenster, wo sie ihren Käfer sehen - mit sechs Beinen: "Auf Wiedersehen, Herr Sumsemann. Kommen Sie gut zuhause an!"

 

Meine Meinung zum Stück
Es ist viele Jahre her, dass dieses Theaterensemble ein Kinderstück inszenierte. Mit Peterchens Mondfahrt hat sich Barbara Schwend, die zum ersten Mal Regie führte, nicht gerade ein leichtes Stück ausgesucht. Das Ensemble dieser Inszenierung besteht immerhin aus 38 Personen (nach eigenen Angaben), wovon der größte Teil auf der Bühne steht. Dazu kommen unzählige Bühnenbilder. Jeder Regisseur weiß, welche Arbeit darin steckt und wie anstrengend es sein kann, so viele Leute, Erwachsene wie Kinder, zu organisieren, Requisiten und vor allem Kostüme zu finden, ohne dabei die Sicht auf das Wesentliche zu verlieren: das Spiel auf der Bühne, der Ausbau der Charaktere, das Wirken auf die Zuschauer. Das Bühnenstück von Kurt Egreder wurde von Barbara Schwend nochmals bearbeitet, um es für die Harlekin-Bühne aufführbar zu machen.

 

 


Diese Inszenierung wartet mit allem auf, was Kinderaugen zum Leuchten bringt: viele schöne Kostüme, Spezialeffekte, Mitmachrufe, witzige Märchenfiguren und eine äußerst sympatische Hauptfigur: Herr Sumsemann. Der Maikäfer wird überzeugend von Uli Lussem gespielt. Er passt in diese Rolle wie kein anderer und spielt so komisch, dass er viele Lacher auf seine Seite zieht. Er hat immerzu Angst und stellt sich folglich permanent tot, wenn Gefahr im Anmarsch ist: "Ich bin so tot - töter gehts nicht mehr!". Die Geige, sein ständiger Begleiter, beherrscht er zwar nicht und wird ersatzweise von Horst Pietrek im Hintergrund gespielt, aber seiner Rolle tut das keinen Abbruch. Die beiden anderen Hauptdarsteller, Jan Koch als Peterchen und Alina Bergner als Anneliese, spielen ebenfalls sehr natürlich und überzeugend. Zwar sind sie schon größere Kinder als man sich die beiden im Märchen vorstellt, aber das überspielen die beiden so perfekt, dass man sich hinterher wirklich fragt, wie alt die beiden wohl sein mögen. Es wäre zu viel, jeden einzelnen Darsteller hier zu bewerten, denn alle machten ihre Sache gut. In den Nebenrollen möchte ich noch Günther Adamczyk in der Rolle des Wassermann erwähnen. Den Vorsitzenden des Harlekin-Theaters sieht man eigentlich nie auf der Bühne. Umso erstaunter war ich über seine Ausstrahlung in der Rolle des ständig blubbernd-quaxenden Wassermann. Er hat diese Figur toll verkörpert und auch viel Schmunzeln im Publikum ausgelöst. Auch Horst Pietrek gab einen furchterregenden Mann im Mond. Seine Mimik und Stimme ließ den Mondmann gefährlich aussehen und so manches Kind hielt sich bei seinem Sitznachbarn fest, wenn er über die Bühne schnaubte. Sehr überzeugend!

In den Umbaupausen spielte Yvonne Wegener am Klavier, so dass einem die Wartezeit auf die nächste Szene nicht zu lang vorkam. Einige Lieder, die auf der Bühne gesungen wurden, begleitete sie. Besonders süß war das Lied "Guten Abend, gute Nacht", das von den Sternenkinder gesungen wurde, auch, wenn die Töne nicht immer getroffen wurden.

Bei so viel Energie, die in die Details gesteckt werden mussten, sind Abstriche bei dieser Inszenierung zu machen. Die Szene im Schloss der Nachtfee ist sehr lang, da hier wirklich jeder Naturgeist einzeln vorgestellt wird. Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, einige Rollen zu streichen, denn nicht jeder Geist hatte für den Verlauf der Geschichte eine Bedeutung. Dafür verlief der Kampf mit dem Mann im Mond meiner Meinung nach viel zu schnell. Die Mächte der verschiedenen Geister wurden dadurch nicht richtig deutlich. Es schien sogar, als hätten sie so gut wie
gar keine Wirkung auf den Mondmann. In dem bekannten Märchen schwächen die Geister den Mondmann immer mehr. Am Ende wird er von den Sternenkindern geblendet und in die Irre des Waldes geführt. Man hätte mit diesen wirklich schönen Vorgaben erheblich mehr Spannung am Ende erzeugen können.

Fazit
Es ist und bleibt eine Inszenierung für Kinder, in der ein bekanntes Märchen bunt und witzig umgesetzt wird. Bei aller Kritik von meiner Seite bleibt der letzte Eindruck: Strahlende Kinder im Publikum und erfreute Jugendliche und Erwachsene, die es "sehr nett" oder auch "sehr witzig" fanden. Dem schließe ich mich an.

 

Und darum:

Weitere Aufführungen:
03./04./09./10./11./17./18. Dezember 05
08./14./15./20./22./28./29. Januar 06

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