Die bitteren Tränen der
Petra von Kant

von Rainer Werner Fassbinder
Regie: Christos Nicopoulos


Ein Bericht von Ingo Brückner

Bekanntlich gelten Beziehungen zwischen Mann und Frau als fraglicher Streich der Natur - so sagen Spötter der Ehe. All zu oft hört oder liest man, dass Männer und Frauen eigentlich nicht zusammenpassen, weil "Frauen nicht einparken können und Männer nicht zuhören", oder so. Also unterwirft man sich entweder den Zwängen einer Mann/Frau-Partnerschaft oder sucht seinesgleichen? Aber auch Beziehungen zwischen Frauen sind eine komplizierte Angelegenheit. Das lehrt uns das Stück von R.W. Fassbinder. Ein Stück über Besitzgier, Eifersucht, Unterdrückung und Abhängigkeit.




Inhalt
Die erfolgreiche Modeschöpferin Petra von Kant lebt mit ihrer stummen Sekretärin Marlene in einem luxuriösen Appartement. Einsam und unglücklich, gefangen in sich selbst und ihren Beziehungen. Einer alten Freundin, Sidonie von Grasenabb, erzählt Petra die Geschichte ihrer zweiten Ehe: Von Frank habe sie sich scheiden lassen, weil der durch ihre Karriere in seinem Stolz getroffen worden sei und dies im Bereich der Sexualität zu kompensieren versucht hätte, bis Petra ihren Ekel vor dem Mann nicht mehr ertragen konnte. Sidonie hingegen scheint sich mit ihrem Mann und mit ihrem Leben eher gedankenlos abgefunden zu haben. Petra lernt die junge Karin Thimm kennen und verliebt sich in sie. Um Karin, die sehr jung, schön und ziemlich naiv ist, an sich zu binden, verspricht sie, ihr eine Karriere als Mannequin zu ermöglichen. Karin, die getrennt von ihrem Ehemann lebt, glaubt sich im Himmel: eine erfolgreiche Frau, die ihr den Weg in die Welt der Reichen und Schönen ebnen will. Karin lässt sich von Petra verführen – die beiden werden ein Liebespaar. Nach einiger Zeit geht Karin aber wieder ihre eigenen Wege: verbringt ihre Nächte in anderen Betten – mit Männern, bricht ihre Ausbildung zum Mannequin ab, lebt nur noch in den Tag hinein. Alles bezahlt von Petra, die Karin verfallen ist. Doch Karin kehrt schließlich zu ihrem Gatten zurück, als dieser überraschend von Australien nach Europa kommt. Petra, die in diese Beziehung viele Emotionen investiert hat, reagiert mit Verzweiflung, die bis zur Hysterie reicht. Nichts ist mehr von Bedeutung, ihr Leben besteht nur noch aus dem Warten auf einen Anruf von Karin und Alkohol. Doch Karin ruft nicht an. An Petra's Geburtstag erhält sie Besuch von ihrer Tochter. Auch ihre Mutter Valerie und Sidonie kommen oder besser brechen über sie herein. Es wird wie immer die liebe Familie gemimt. Durch ihren Schmerz aufgerüttelt, erkennt Petra jedoch, dass keine der drei Frauen, die bisher ihre Familie waren, ihr wirklich nahe stehen. Sie befreit sich von den Fesseln altgewachsener Beziehungen, weist ihre Mutter, ihre Tochter und Sidonie schreiend aus der Wohnung. Doch nur Sidonie verlässt den Raum beleidigt. Petra beruhigt sich, und sie beginnt zu verstehen. "Ich habe Karin nicht geliebt, ich habe sie nur besitzen wollen." Die Erkenntnis wirkt wie die Befreiung von einer Obsession.

Nun bietet Petra ihrer Sekretärin Marlene, die sie bislang als ergebenen Dienstboten tyrannisiert und gedemütigt hat, eine neue Partnerschaft an

- ohne das bisherige Machtverhältnis...

 

 

Meine Meinung zum Stück
Ein Stück aus dem Leben und Gefühle, die fast jeder kennt. Eine Trennung von seinem langjährigen Partner zu verschmerzen ist das Eine. Eine weitere Beziehung wieder zu beginnen das Schwierige, will man doch in erster Linie, natürlich unbewusst, eine Lücke schließen. Nicht der Verstand leitet einen dahin, sondern die Sehnsucht, wieder zu lieben und vor allem geliebt zu werden: "Der Mensch ist so gemacht, dass er den anderen Menschen braucht. Doch hat er nicht gelernt, wie man zusammen ist."Das Stück erzählt keine Geschichte über die Homosexualität unter Frauen. "Die Männer, ausgeschlossen aus diesem Raum, sind ständig anwesend im Verhalten der beiden Frauen. Petra und Karin spielen das alte Spiel von Besitzgier und Eifersucht, Unterdrückung und Abhängigkeit."(*) Und das machen sie mit viel Gefühl! Astrid Lenzen in der Rolle der Petra von Kant spielt ein ganzes Repertoire an Gefühlen durch. Spricht sie anfangs fast gleichgültig über Ihre Trennung, wandelt sich Ihr Blick im nächsten Moment in Freude und Leidenschaft "Es ist schön, wahnsinnig zu sein!", um schließlich, enttäuscht von Karin's Abfuhr, in Selbstmitleid regelrecht zu zerfallen, sich nutzlos und ausgenutzt fühlt und dabei immer wieder nach dem Funken Hoffnung greift "Bitte belüg' mich!"

Britta Halberkann als ihre Geliebte Karin Thimm hat es faustdick hinter den Ohren. Karin spielt mit Ihren Reizen und weiß sichtlich um ihre Wirkung. Sie verkörpert die Null-Bock-Generation, wurde als Kind sich selbst überlassen, weil der Vater die Mutter erschlug und sich dann selbst aufhing. Halberkann spricht ihren Text, als käme er aus dem Bauch heraus und keinesfalls auswendig gelernt. Mit "Boah" und "cool, und so..." bietet sie das passende Bild zu ihrem Outfitt. Sie lebt die Rolle und hat dabei sichtlich Spaß.


Johanna Rautenbach als die Bedienstete Marlene hat zwar keinen Text, da sie ja stumm ist, aber ihre Gefühle und Gedanken lassen sich hervorragend in der Mimik und ihrer Körperhaltung ablesen und unterstreichen somit als Spiegel die psychische Verfassung von Petra von Kant und letztendlich das Stimmungsbild in den jeweiligen Szenen. Andrea Ingenhaag spielt die Freundin Sidonie von Grasenabb, ein tratschendes Plappermaul. Herrlich sind ihre Blicke wenn sie erbost ist. Ihre Rolle als Society-Lady mit Küsschen hier und Küsschen da füllt sie wirklich gekonnt aus. Patricia Kalbitzer-Woeste als Petra's Mutter macht einen sehr beherrschten Eindruck auf der Bühne und vermittelt, ganz im Sinne von Fassbinder, keine Muttergefühle zu Petra von Kant.

Jana-Lisa Mehlfeld, mit 13 Jahren die jüngste Darstellerin, spielt die wohl ebenso junge Tochter von Petra und kann so richtig böse werden, wenn Mutter schlechtes spricht. Ein schöner Anfang auf den Brettern, die die Welt bedeuten mit Potential.

Fazit
Ein Thema, das Nachdenklich macht - aber keineswegs schwere Kost!. Ein kurzweiliger Abend, viele Emotionen gespielt von einem Ensemble mit einer großen Portion Leidenschaft. Toll!
Spielzeit incl. Pause: 2 Std.

Das schreibt die Presse

Und darum: Weitere Aufführungen:
12./19. Juni 05
jeweils um 20.00 Uhr

(*) Wilhelm Roth, in "Rainer Werner Fassbinder", Hanser Verlag, 1983)

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