Sekretärinnen
Eine Revue über den Büroalltag von Franz Wittenbrink
Regie: Kathrin Sievers


Ein Bericht von Ingo Brückner

Na, was erwartet uns da wohl alleine schon bei Betrachtung des Titels dieser Revue mit acht Frauen? Beim Einlass sehen wir die Frauen auf der Bühne auf ihren Schreibmaschinen schlafend und darauf wartend, vom Scheinwerferlicht zum Leben erweckt zu werden. Die ausverkaufte Vorstellung beginnt dann auch sehr schnell mit einem Klavierstück, gespielt von Joachim Jezweski. Die wie von der Tarantel gestochenen Frauen schrecken hoch, schütteln noch kurz ihre Hände aus und spielen passend zum "Type Writer" von Leroy Anderson auf ihren Schreibmaschinen, die auch in den Folgestücken immer wieder gerne als Taktinstrument Verwendung finden. Und so geht es in dieser Revue in einem schnellen Tempo voran.

Acht Sekretärinnen singen von ihren Sorgen und Nöten, die sich im Büroalltag hinter der Schreibmaschine aufstauen und von verborgenen Sehnsüchten und Lastern, die das Leben so mit sich bringt. Dazu bedient sich Franz Wittenbrink so ziemlich allen Klischees über Frauen und insbesondere über Sekretärinnen: po-wackelnd, aufgetakelt, Fingernägel lackierend, schminkend, privat telefonierend und über Männer bzw. "Neandertaler" lästernd. Die verschiedenen Typen: der männerverschleißende Vamp, das äußerlich adrett-schüchterne Hausmütterchen, die literaturversessene Moralistin, das schwangere Papa-Kind, der Trampel, die Desorientierte mit Identitätsproblemen, das Mauerblümchen und die Selbstbewußte. Alle träumen von einer besseren Welt und natürlich vom Mann ihrer Träume. Das scheint erst einmal der Chef zu sein, um dessen Gunst die Damen buhlen. Ein Signal ertönt und erwartungsvoll, schon gierig, schauen die Frauen auf die Lampe an ihren Schreibtischen, denn wenn diese leuchtet, darf man zum Diktat. Kurze Zeit später öffnet sich der im Hintergrund befindliche Aufzug, in dem die Damen erwartungsvoll verschwinden, während die anderen neidisch hinterher blicken. Und was sich in der Chefetage abspielt, ist ja wohl klar. Kommen die Damen zurück, weiß auch der letzte Zuschauer, dass nicht nur diktiert wurde. Und so darf fast jede mal zum Chef... Einziger Mann auf der Bühne ist der Bürobote, der als Mädchen für alles herhalten muss. Mal bringt er die Post, mal putzt oder fegt er das Büro. Und da der Chef offensichtlich nicht zu haben ist, muss der Bürobote als Lustopfer herhalten. Sonst eher zurückhaltend und wortkarg, kommt er kurz vor der Pause aus sich heraus, reißt sich die Hausmeisterkutte vom Leib und singt schmachtvoll "Se bastasse una bella canzone". Dabei streichelt er lasziv sein übertrieben dargestelltes Brusthaar. Das hält die Frauen nicht mehr auf ihren Stühlen, und sie kreischen und grapschen wie durchgeknallte Teenies nach ihrem Superstar. "It's a man's world" weiß der Bote...

Eine Handlung gibt es nicht, und das ist auch gut so, denn so sorgt das Stück immer wieder für unvorhersehbare Überraschungen. Wittenbrink selber bezeichnete die Uraufführung 1996 in Hamburg übrigens als "Liederabend". Die Sekretärinnen singen solo oder im Ensemble eine ganze Palette von klassischen Musical-Hits über stimmungsvolle Schlager bis hin zu Rock- und Popsongs. Und das immer passend zur Situation oder Stimmung der Frauen: "Ich bin stark" oder "Ich bin zu geil für diese Welt" aber auch "I wanna be loved by you" oder "Respect" pointiert die Handlung immer treffend. Und immer wieder im Einsatz die Schreibmaschine, die als Taktinstrument dient, oder die Kaffeetasse, mit deren Hilfe der Donauwalzer rhythmisch gespielt wird. Der Mann am Klavier, Joachim Jezewski, spielt die Lieder gekonnt schwungvoll und sorgt für Höchststimmung auf und vor der Bühne. Herrlich spielt Christine Gelder das Mauerblümchen, die mit ihrer schrillen Stimme "Ein Schiff wird kommen" trällert. Da schaut jedes Gesicht im Zuschauerraum schmerzverzehrt, aber auch kein Auge bleibt trocken.

Mein Meinung zum Stück:
Diese Revue lebt! Die schauspielerische und insbesondere gesangliche Qualität der einzelnen Darsteller ist weit oben anzusiedeln. Viel Spielwitz und tolle Pointen machen den Abend zu einem Erlebnis. Schrill, witzig, frech-frivol, zugleich anrührend und originell kultig.

Fazit:
Sehenswert!

 


Weitere Vorstellungen:
26./27./29./30./31. März 05
01.-03./26./27. April 05
18./19./21.-23./28. Oktober 05

Und darum:

Fotos: © Hydra Productionsoben