So,
so, der Sommernachtstraum auf einer Bühne mit 28 qm inkl. Elfenwald
und Schlosshof. Wie soll das funktionieren? Vorweg gesagt:
Es funktioniert prächtig!
Vor
Beginn der Darstellung schauen wir auf eine wenig beleuchtete Bühne
mit...nichts, außer einem Mikrofonständer! Ein Zuschauer sagt
plötzlich: "Nicht in die erste Reihe, da wird es nass!"
Na prima, da hat man sich früh genug auf den Weg gemacht, um weit
vorne sitzen zu dürfen, und dann so was! Der panische Blick nach
hinten sagt mir, die Vorstellung ist bis auf den letzten Platz ausverkauft!
Also, harre ich der Dinge, die da kommen. Ich habe keine Vorstellung von
dem, was den Zuschauer da erwarten soll im Verwirrspiel um Hermia, die
Lysander liebt und nicht Demetrius, Helena, die Demetrius liebt, der aber
nicht Helena, Titania einen Esel liebt, dann Lysander plötzlich Hermia
hasst, dafür aber plötzlich Helena liebt und zugleich plötzlich
Demetrius der schönen Helena verfällt...und wer kritt dat Hermia?
Aber
jetzt einmal von vorn:
Auf die Bühne
und vor das Mikrofon treten der Herzog "Theseus" mit seiner
im Kampf eroberten Amazonenkönigin "Hippolyta". Er glatzköpfig
in Generalskluft und Springerstiefeln, sie in schwarzer Reiterhose und
Sonnenbrille, die ein blaues Auge verdeckt. Theseus verkündet die
Hochzeit mit Hippolyta und inmitten der Feierlichkeiten klagt Egeus seine
Tochter Hermia an, die dem Demetrius versprochen ist, ihn aber nicht liebt
sondern Lysander. Das Gesetz Athens jedoch sagt, dass der Vater darüber
bestimmt, wen die Tochter heiratet, andernfalls habe sie mit dem Tod oder
einem keuschen Leben im Kloster zu rechnen. Theseus redet Hermia nochmals
ins Gewissen und gibt Ihr bis zu seiner eigenen Trauung Bedenkzeit. Hermia
und Lysander fliehen daraufhin in einen Wald nahe Athens, um so der Bestrafung
zu entgehen und dort ohne den elterlichen Segen den Ehebund zu schließen.
Helena, die unsterblich in den von Hermia's verschmähten Demetrius
verliebt ist, wird in Hermia's Plan eingeweiht. Um Demetrius günstig
zu stimmen, erzählt Helena von dem Fluchtplan Hermias und Lysanders.
Im
weiteren Verlauf treten die Handwerker "Squenz", "Zettel",
"Flaut", "Schnock" und "Schlucker" auf,
die zur Hochzeit des Herzogs ein Theaterstück aufführen wollen.
Sie verteilen die Rollen und verabreden sich für die kommende Nacht
im Wald, um dort das Stück einzustudieren.
In diesem Wald
herrschen der Elfenkönig Oberon mit seiner Gemahlin Titania, die
jedoch zerstritten sind und dies in einem harten Wortgefecht auskämpfen.
Anlaß sind diverse Affären und Eifersucht. Oberon glaubt zudem,
die Macht innerhalb seiner
Ehe verloren zu haben. Um sich an Titania zu rächen, heckt er einen
Plan aus und beauftragt Puck, eine Wunderblume namens "Liebe im Wahn"
zu suchen, um ihren Saft in Titania's Augen zu träufeln wenn sie
schläft. Erwacht sie dann, verliebt sie sich in das erste Wesen,
das sie erblickt. Puck macht sich auf den Weg, die Blume zu finden.
In der Zwischenzeit
erscheint Demetrius im Wald, um das flüchtende Liebespaar Hermia
und Lysander zu suchen. Auch Helena eilt ihrem Demetrius hinterher.
Titania
tritt mit ihren Elfen auf und öffnen den Bühnenboden. In Erscheinung
tritt ein Pool mit kleinen Seerosen. Die Elfen singen
Titania
in den Schlaf und legen sie sanft auf ein Wasserbett ins Wasser. Puck
erscheint mit der Blume und überreicht sie dem wartenden Oberon,
der Titania den Liebessaft in die Augen träufelt. Dann gibt er Puck
den Auftrag, den Saft einem Menschen in Athenertracht zu verabreichen.
Gemeint ist Demetrius, der sich in die ihm nacheilende Helena verlieben
soll.
Lysander und
Hermia erscheinen und legen sich, erschöpft von dem langen Marsch,
schlafen. Puck
erkennt die Athenertracht und verabreicht somit dem falschen Athener,
Lysander, den Liebessaft. Dieser erwacht und trifft sogleich
auf Helena, in die er sich umgehend verliebt, ihr hinterher eilt und Hermia
alleine zurück lässt.
Die
Handwerker treten auf, um ihr Stück zu proben. Puck, der das Spiel
amüsant beobachtet, verwandelt Zettel in einen Esel. Seine Handwerkskollegen
ergreifen panisch die Flucht, und Zettel mit Eselskopf bleibt alleine
im Wald zurück, als Titania von seinem (Angst-)gesang erwacht und
sich in den Esel verliebt und eine wilde Liebesnacht mit ihm verbringt.
Oberon, erfreut über diesen Erfolg, erfährt aber auch von der
Verwechslung und der Ursache, dass Lysander nun Helena verehrt und nicht
Demetrius. So macht sich Oberon selber daran, Demetrius dazu zu bringen,
Helena zu lieben und träufelt Demetrius im Schlaf ebenfalls den Liebestrank
in die Augen.
Dieser Zauber gelingt auch, nachdem Demetrius erwacht und Helena erblickt.
Nun hat Helena gleich zwei Verehrer. Helena jedoch fühlt sich auf
den Arm genommen und einer Intrige ausgesetzt. Hermia jedoch versteht
nicht, warum sie von ihrem geliebten Lysander so plötzlich gehasst
wird und vermutet in Helena eine Nebenbuhlerin, die mit Ihren Reizen Lysander
gewonnen hat. Sie geraten sich in die Haare, und es folgt eine Art Wrestling-Schlacht
der beiden Frauen, die im Pool endet. Auch Lysander und Demetrius kämpfen
um die Gunst von Helena. Verfolgt
von Puck's Rufen, der die Stimmen der Kontrahenten nachmacht, um so deren
Wut anzuheizen, fallen die Verliebten erschöpft in den Schlaf. Puck
erhält von Oberon nun die Möglichkeit, seinen Schaden wieder
gut zu machen und erteilt ihm die Aufgabe, Lysander mit einem Gegenzauber
wieder seiner Hermia zuzuwenden.
Titania und
der Esel, erschöpft von der gemeinsamen Liebesnacht, fallen ebenfalls
in tiefen Schlaf. Oberon erlöst sie von ihrem Zauber, Titania erwacht
und spricht von einem Traum, in dem sie einen Esel geliebt hat. Oberon
und Titania versöhnen sich wieder. Zettel , der wieder von seinem
Eselskopf befreit wurde, erwacht wieder und will seinen Traum als Stück
geschrieben haben: "Zettel's Traum". Auch die vier Liebenden
erwachen, und nun stimmt alles wieder: Lysander liebt Hermia und Demetrius
noch Helena.
Auf
der Hochzeit von Theseus treten die Handwerker nun auf, um das Schauspiel
"von der höchst lamentablen Komödie und der höchst
grausame Tod des Pyramus und der Thisbe" vor dem Hochzeitspaar vorzutragen.
Die vier Liebenden erscheinen ebenfalls zur Feier, und Theseus vergibt
Hermia über das Athener Recht hinweg und willigt in die Liebesbindungen
ein. Das Stück schließt mit der pompösen Happy-End-Feier.
Meine
Meinung zum Stück:
Wenn man,
wie ich, selber schon Shakespeare's Sommernachtstraum gespielt hat und
diverse andere auch schlechte Interpretationen gesehen hat, fällt
es schwer, hier eine objektive Meinung abzugeben, denn man geht mit eigenen
Vorstellungen in die Aufführung, von der man nur enttäuscht
oder angenehm überrascht werden kann. Ich bin sehr überrascht
worden. Zanger's Interpretation ist ein richtiges Highlight! Die Geschichte
um Liebe, Sexualität und Träume ist zeitlos und passt somit
zur gewählten Sprache, die der heutigen Zeit angepasst ist und mit
Shakespeare's Sprache zu harmonieren scheint.
Die Darsteller, allesamt Schüler des Theaters, eine richtige Erfrischung,
denn sie machen ihre Sache sehr gut. In diesem Stück gibt es keine
Nebenrollen, und das muss den Darstellern auch bewusst sein, denn jede(r)
von ihnen spielt seine Rolle 100prozentig aus:
Michael
Meichßner als Theseus und Oberon zeigt sich besonders als
Oberon souverän herrscherisch und weiß es, den Puck zu führen.
Als Theseus wirkt er irgendwie albern und nicht gerade wie ein Herzog,
aber die Rolle macht nur 5% des Stückes aus.
Natalie
Orthen als Hippolyta und Titania macht eine wirklich gute Figur.
Als Titana wirkt sie nicht nur wie ein Fabelwesen; sie ist eines! Man
klebt an ihren Lippen, wenn sie Shakespeare's Verse (hin und wieder auf
Old-Englisch) spricht und ihre tolle Mimik ins Spiel bringt. Auch als
Hippolyta kommt sie ziemlich crazy rüber (ich hörte im Publikum
das böse Wort "bekifft") und beweist somit ihre Wandelfähigkeit.
Sie hat es raus, den
Zuschauer zu fesseln.
Georg
Melich als Lysander (und ein wenig Till Schweiger) gefällt
auch in der Rolle des stürmischen Liebhabers und verwandelten Hermia-Hassers.
Ebenso John Peter Altgelt als von Hermia verschmähter
Demetrius weiß sich hervorragend ins Szene zu setzen.
Joanna-Maria
Praml als Hermia spielt gekonnt bissig und gibt eine ganze Palette
von Gefühlen preis, die den Zuschauer verzücken oder ihn fürchten
lehren.
Als Pendant dazu spielt Anna-Maria Suckow als Helena (bekannt
auch aus dem aktuellen Stück "Sekretärinnen) die Konkurrentin
im Liebesspiel, und gibt dabei vollen Einsatz. Es tut einem fast leid,
dass sie von Hermia im Pool fast ertränkt wird.
Dann wären
noch positiv zu erwähnen: Die Handwerker Paula Wehmeyer als
Squenz, Atilla Oener als Zettel (Shakespeare's
Rampensau als Pyramus), John Peter Altgelt als Flaut (bzw.
Thisbe), Anna-Maria Suckow als Schnock (bzw. Löwe)
und Britta Schulz als Schlucker (bzw. Wand und Mondschein),
die herrlich frisch eine Laienspielgruppe mimten und dabei so schön
tollpatschig waren, dass viele Zuschauer sich den Bauch vor Lachen hielten.
Einziges Manko: Die Dialekte (norddeutsch, kölsch uns sächsisch)
waren nicht immer glaubhaft und wirken sehr gekünzelt. Irgendwie,
so finde ich, passen diese Dialekte auch nicht in die Geschichte rein
- auch wenn sie komisch sind.
Dann natürlich
noch Jennifer Fey und Anna Sittler als Puck mit kräftiger
Stimme und toller Mimik. Hier fragt sich der Zuschauer,
warum wir Shakespeare's Troll doppelt sehen. Die Erklärung gibt der
Shakespeare-Forscher Jan Kott. Puck ist eine Zwienatur: Er verkörpert
zum einen den gutmütigen Robin Goodfellow und zum anderen den Teufel
Hobgoblin. Gut und böse? Den Eindruck machten die beiden Darstellerinnen
nicht. Eher intelligent und dumm.
Was wäre
der Elfenwald ohne Elfen: Paula Wehmeyer, Britta Schulz, Anna
Sittler und Joanna-Maria Praml, die als weiße Elfen mit
flackernden Arm- und Halsbändern das Tanzbein zu moderner Rapmusik
schwingten. Mystisch!
Petra
Buchholz, die für das Bühnenbild zuständig
ist, schaffte mit wenigen Mitteln eine spannende teils unheimlich Atmosphäre
auf der Bühne. Der Bühnenboden aus Holzplanken dampfte aus den
Fugen, der Pool war in geheimnisvollem Licht getaucht. Die geöffneten
Bodenteile dienten als Strauch oder Baum, und das alles war so selbstverständlich
für den Betrachter, dass man die Stimmung so wie beabsichtigt einfing.
Fazit:
Wer diese Interpretation von Shakespeare's Sommernachtstraum nicht sieht,
verpasst einen wirklich aufregenden und lustigen Theaterabend. Die vielen
ausverkauften Vorstellungen geben der Qualität des Stückes recht.
Aber, es soll wohl noch Karten geben!
Und
noch etwas in eigener Sache: Man wird nicht richtig nass in der ersten
Reihe. Denn Oberon und Puck sorgen dafür, dass diese Reihe mit einer
Folie bestückt wird, die sie auf "drei" hochhalten müssen,
damit auch die anderen Reihen verschont bleiben. Eine schöne Idee!
Und darum:

Weitere Vorstellungen:
01.-06./08.-11./13. März 05/05.-10. April 05
Fotos:
© Hydra
Productions oben
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