Sommer.Nacht.Traum
zirzensische Komödie über Wirklichkeit und Traum, Liebe und Sexualität nach William Shakespeare
Fassung und Regie: Meinhard Zanger


Ein Bericht von Ingo Brückner

So, so, der Sommernachtstraum auf einer Bühne mit 28 qm inkl. Elfenwald und Schlosshof. Wie soll das funktionieren? Vorweg gesagt: Es funktioniert prächtig!

Vor Beginn der Darstellung schauen wir auf eine wenig beleuchtete Bühne mit...nichts, außer einem Mikrofonständer! Ein Zuschauer sagt plötzlich: "Nicht in die erste Reihe, da wird es nass!" Na prima, da hat man sich früh genug auf den Weg gemacht, um weit vorne sitzen zu dürfen, und dann so was! Der panische Blick nach hinten sagt mir, die Vorstellung ist bis auf den letzten Platz ausverkauft! Also, harre ich der Dinge, die da kommen. Ich habe keine Vorstellung von dem, was den Zuschauer da erwarten soll im Verwirrspiel um Hermia, die Lysander liebt und nicht Demetrius, Helena, die Demetrius liebt, der aber nicht Helena, Titania einen Esel liebt, dann Lysander plötzlich Hermia hasst, dafür aber plötzlich Helena liebt und zugleich plötzlich Demetrius der schönen Helena verfällt...und wer kritt dat Hermia?

Aber jetzt einmal von vorn:
Auf die Bühne und vor das Mikrofon treten der Herzog "Theseus" mit seiner im Kampf eroberten Amazonenkönigin "Hippolyta". Er glatzköpfig in Generalskluft und Springerstiefeln, sie in schwarzer Reiterhose und Sonnenbrille, die ein blaues Auge verdeckt. Theseus verkündet die Hochzeit mit Hippolyta und inmitten der Feierlichkeiten klagt Egeus seine Tochter Hermia an, die dem Demetrius versprochen ist, ihn aber nicht liebt sondern Lysander. Das Gesetz Athens jedoch sagt, dass der Vater darüber bestimmt, wen die Tochter heiratet, andernfalls habe sie mit dem Tod oder einem keuschen Leben im Kloster zu rechnen. Theseus redet Hermia nochmals ins Gewissen und gibt Ihr bis zu seiner eigenen Trauung Bedenkzeit. Hermia und Lysander fliehen daraufhin in einen Wald nahe Athens, um so der Bestrafung zu entgehen und dort ohne den elterlichen Segen den Ehebund zu schließen. Helena, die unsterblich in den von Hermia's verschmähten Demetrius verliebt ist, wird in Hermia's Plan eingeweiht. Um Demetrius günstig zu stimmen, erzählt Helena von dem Fluchtplan Hermias und Lysanders.

Im weiteren Verlauf treten die Handwerker "Squenz", "Zettel", "Flaut", "Schnock" und "Schlucker" auf, die zur Hochzeit des Herzogs ein Theaterstück aufführen wollen. Sie verteilen die Rollen und verabreden sich für die kommende Nacht im Wald, um dort das Stück einzustudieren.

In diesem Wald herrschen der Elfenkönig Oberon mit seiner Gemahlin Titania, die jedoch zerstritten sind und dies in einem harten Wortgefecht auskämpfen. Anlaß sind diverse Affären und Eifersucht. Oberon glaubt zudem, die Macht innerhalb seiner Ehe verloren zu haben. Um sich an Titania zu rächen, heckt er einen Plan aus und beauftragt Puck, eine Wunderblume namens "Liebe im Wahn" zu suchen, um ihren Saft in Titania's Augen zu träufeln wenn sie schläft. Erwacht sie dann, verliebt sie sich in das erste Wesen, das sie erblickt. Puck macht sich auf den Weg, die Blume zu finden.

In der Zwischenzeit erscheint Demetrius im Wald, um das flüchtende Liebespaar Hermia und Lysander zu suchen. Auch Helena eilt ihrem Demetrius hinterher.

Titania tritt mit ihren Elfen auf und öffnen den Bühnenboden. In Erscheinung tritt ein Pool mit kleinen Seerosen. Die Elfen singen
Titania in den Schlaf und legen sie sanft auf ein Wasserbett ins Wasser. Puck erscheint mit der Blume und überreicht sie dem wartenden Oberon, der Titania den Liebessaft in die Augen träufelt. Dann gibt er Puck den Auftrag, den Saft einem Menschen in Athenertracht zu verabreichen. Gemeint ist Demetrius, der sich in die ihm nacheilende Helena verlieben soll.

Lysander und Hermia erscheinen und legen sich, erschöpft von dem langen Marsch, schlafen. Puck erkennt die Athenertracht und verabreicht somit dem falschen Athener, Lysander, den Liebessaft. Dieser erwacht und trifft sogleich auf Helena, in die er sich umgehend verliebt, ihr hinterher eilt und Hermia alleine zurück lässt.

Die Handwerker treten auf, um ihr Stück zu proben. Puck, der das Spiel amüsant beobachtet, verwandelt Zettel in einen Esel. Seine Handwerkskollegen ergreifen panisch die Flucht, und Zettel mit Eselskopf bleibt alleine im Wald zurück, als Titania von seinem (Angst-)gesang erwacht und sich in den Esel verliebt und eine wilde Liebesnacht mit ihm verbringt. Oberon, erfreut über diesen Erfolg, erfährt aber auch von der Verwechslung und der Ursache, dass Lysander nun Helena verehrt und nicht Demetrius. So macht sich Oberon selber daran, Demetrius dazu zu bringen, Helena zu lieben und träufelt Demetrius im Schlaf ebenfalls den Liebestrank in die Augen. Dieser Zauber gelingt auch, nachdem Demetrius erwacht und Helena erblickt. Nun hat Helena gleich zwei Verehrer. Helena jedoch fühlt sich auf den Arm genommen und einer Intrige ausgesetzt. Hermia jedoch versteht nicht, warum sie von ihrem geliebten Lysander so plötzlich gehasst wird und vermutet in Helena eine Nebenbuhlerin, die mit Ihren Reizen Lysander gewonnen hat. Sie geraten sich in die Haare, und es folgt eine Art Wrestling-Schlacht der beiden Frauen, die im Pool endet. Auch Lysander und Demetrius kämpfen um die Gunst von Helena. Verfolgt von Puck's Rufen, der die Stimmen der Kontrahenten nachmacht, um so deren Wut anzuheizen, fallen die Verliebten erschöpft in den Schlaf. Puck erhält von Oberon nun die Möglichkeit, seinen Schaden wieder gut zu machen und erteilt ihm die Aufgabe, Lysander mit einem Gegenzauber wieder seiner Hermia zuzuwenden.

Titania und der Esel, erschöpft von der gemeinsamen Liebesnacht, fallen ebenfalls in tiefen Schlaf. Oberon erlöst sie von ihrem Zauber, Titania erwacht und spricht von einem Traum, in dem sie einen Esel geliebt hat. Oberon und Titania versöhnen sich wieder. Zettel , der wieder von seinem Eselskopf befreit wurde, erwacht wieder und will seinen Traum als Stück geschrieben haben: "Zettel's Traum". Auch die vier Liebenden erwachen, und nun stimmt alles wieder: Lysander liebt Hermia und Demetrius noch Helena.

Auf der Hochzeit von Theseus treten die Handwerker nun auf, um das Schauspiel "von der höchst lamentablen Komödie und der höchst grausame Tod des Pyramus und der Thisbe" vor dem Hochzeitspaar vorzutragen. Die vier Liebenden erscheinen ebenfalls zur Feier, und Theseus vergibt Hermia über das Athener Recht hinweg und willigt in die Liebesbindungen ein. Das Stück schließt mit der pompösen Happy-End-Feier.

 

 

Meine Meinung zum Stück:
Wenn man, wie ich, selber schon Shakespeare's Sommernachtstraum gespielt hat und diverse andere auch schlechte Interpretationen gesehen hat, fällt es schwer, hier eine objektive Meinung abzugeben, denn man geht mit eigenen Vorstellungen in die Aufführung, von der man nur enttäuscht oder angenehm überrascht werden kann. Ich bin sehr überrascht worden. Zanger's Interpretation ist ein richtiges Highlight! Die Geschichte um Liebe, Sexualität und Träume ist zeitlos und passt somit zur gewählten Sprache, die der heutigen Zeit angepasst ist und mit Shakespeare's Sprache zu harmonieren scheint.
Die Darsteller, allesamt Schüler des Theaters, eine richtige Erfrischung, denn sie machen ihre Sache sehr gut. In diesem Stück gibt es keine Nebenrollen, und das muss den Darstellern auch bewusst sein, denn jede(r) von ihnen spielt seine Rolle 100prozentig aus:
Michael Meichßner als Theseus und Oberon zeigt sich besonders als Oberon souverän herrscherisch und weiß es, den Puck zu führen. Als Theseus wirkt er irgendwie albern und nicht gerade wie ein Herzog, aber die Rolle macht nur 5% des Stückes aus.

Natalie Orthen als Hippolyta und Titania macht eine wirklich gute Figur. Als Titana wirkt sie nicht nur wie ein Fabelwesen; sie ist eines! Man klebt an ihren Lippen, wenn sie Shakespeare's Verse (hin und wieder auf Old-Englisch) spricht und ihre tolle Mimik ins Spiel bringt. Auch als Hippolyta kommt sie ziemlich crazy rüber (ich hörte im Publikum das böse Wort "bekifft") und beweist somit ihre Wandelfähigkeit. Sie hat es raus, den Zuschauer zu fesseln.

Georg Melich als Lysander (und ein wenig Till Schweiger) gefällt auch in der Rolle des stürmischen Liebhabers und verwandelten Hermia-Hassers.
Ebenso John Peter Altgelt als von Hermia verschmähter Demetrius weiß sich hervorragend ins Szene zu setzen.


Joanna-Maria Praml als Hermia spielt gekonnt bissig und gibt eine ganze Palette von Gefühlen preis, die den Zuschauer verzücken oder ihn fürchten lehren.
Als Pendant dazu spielt Anna-Maria Suckow als Helena (bekannt auch aus dem aktuellen Stück "Sekretärinnen) die Konkurrentin im Liebesspiel, und gibt dabei vollen Einsatz. Es tut einem fast leid, dass sie von Hermia im Pool fast ertränkt wird.

Dann wären noch positiv zu erwähnen: Die Handwerker Paula Wehmeyer als Squenz, Atilla Oener als Zettel (Shakespeare's Rampensau als Pyramus), John Peter Altgelt als Flaut (bzw. Thisbe), Anna-Maria Suckow als Schnock (bzw. Löwe) und Britta Schulz als Schlucker (bzw. Wand und Mondschein), die herrlich frisch eine Laienspielgruppe mimten und dabei so schön tollpatschig waren, dass viele Zuschauer sich den Bauch vor Lachen hielten. Einziges Manko: Die Dialekte (norddeutsch, kölsch uns sächsisch) waren nicht immer glaubhaft und wirken sehr gekünzelt. Irgendwie, so finde ich, passen diese Dialekte auch nicht in die Geschichte rein - auch wenn sie komisch sind.
Dann natürlich noch Jennifer Fey und Anna Sittler als Puck mit kräftiger Stimme und toller Mimik. Hier fragt sich der Zuschauer, warum wir Shakespeare's Troll doppelt sehen. Die Erklärung gibt der Shakespeare-Forscher Jan Kott. Puck ist eine Zwienatur: Er verkörpert zum einen den gutmütigen Robin Goodfellow und zum anderen den Teufel Hobgoblin. Gut und böse? Den Eindruck machten die beiden Darstellerinnen nicht. Eher intelligent und dumm.
Was wäre der Elfenwald ohne Elfen: Paula Wehmeyer, Britta Schulz, Anna Sittler und Joanna-Maria Praml, die als weiße Elfen mit flackernden Arm- und Halsbändern das Tanzbein zu moderner Rapmusik schwingten. Mystisch!

Petra Buchholz, die für das Bühnenbild zuständig ist, schaffte mit wenigen Mitteln eine spannende teils unheimlich Atmosphäre auf der Bühne. Der Bühnenboden aus Holzplanken dampfte aus den Fugen, der Pool war in geheimnisvollem Licht getaucht. Die geöffneten Bodenteile dienten als Strauch oder Baum, und das alles war so selbstverständlich für den Betrachter, dass man die Stimmung so wie beabsichtigt einfing.

Fazit: Wer diese Interpretation von Shakespeare's Sommernachtstraum nicht sieht, verpasst einen wirklich aufregenden und lustigen Theaterabend. Die vielen ausverkauften Vorstellungen geben der Qualität des Stückes recht. Aber, es soll wohl noch Karten geben!

Und noch etwas in eigener Sache: Man wird nicht richtig nass in der ersten Reihe. Denn Oberon und Puck sorgen dafür, dass diese Reihe mit einer Folie bestückt wird, die sie auf "drei" hochhalten müssen, damit auch die anderen Reihen verschont bleiben. Eine schöne Idee!
Und darum:
Weitere Vorstellungen: 01.-06./08.-11./13. März 05/05.-10. April 05

Fotos: © Hydra Productionsoben