| Wir
wurden zur Generalprobe des Stückes eingeladen, das am Mittwoch,
den 22. Juni 2005 in Kerpen-Horrem Première feiert. Es liegt
eine große Spannung in der Luft. Die Akteure konzentrieren sich
auf ihre Hauptprobe, zupfen die Kleidung nochmals zurecht, und die Maske
setzt die letzten Lidstriche. Eine junge Dame im Nadelstreifenanzug durchquert
immer wieder den Zuschauerraum und geht nochmals ihre Textpassagen
durch. Aus dem Umkleideraum erklingt Gesang. Ein anderer macht Stimmübungen:
Aaaaaaah
gefolgt von einem tiefen Oooooh, das dann zuletzt in "Trooooojaaaaaa"
endet. Regisseur Dennis Witton (26) wirkt gefasst und gibt noch letzte
Regieanweisungen. Punkt 20.00 Uhr ruft er: "Es kann losgehen"
gefolgt von "Jetzt ist echt!". Alle Darsteller betreten die
Bühne und wenden sich der Rückwand der Bühne zu, die ein
kaltes Bürozimmer darstellt. Rechts ein Fernseher mit dem Logo der
Firma "Troja Incorporation", einige Requisiten, Bänke ein
Schreibtisch und ein Aquarium. Musik ertönt. Musik? Genauer hingehört
ist es eine Melodie mit einer ruhigen Stimme, die über Krieg und
Frieden spricht und am Ende fragt "Wird das niemals anders werden?".
Dazu Schüsse und wirre Stimmen im Hintergrund, die auf einen Kampf
an der Front hindeuten sollen. Die Bühne wird dabei immer heller,
und am Ende dieses Vorspiels folgt eine Hymne.
Die Hymne Trojas.
Die
Geschichte:
"Der trojanische Krieg wird nicht stattfinden, Kassandra"
- "Wetten wir Andromache?"
Wir befinden uns im Büro der Firma "Troja Inc." Kassandra,
die Seherin sagt Andromache einen neuen Krieg voraus und stützt sich
dabei auf die "Dummheit der Menschen" und der "Elemente".
Das Schicksal wird es so fügen. Doch Andromache glaubt an den Frieden
und erwartet voller Vorfreude Ihren Mann Hector zurück, der gerade
erst die trojanischen Armeen aus dem letzten Kampf zurückgeführt
hat. Er ist müde von den vielen Schlachten und will nichts mehr von
Krieg wissen und jeden Schaden von seiner schwangeren Frau Andromache
zukünftig abhalten. Als er dann von Paris, seinem Bruder, erfährt,
dass dieser die griechische Königin Helena
entführt hat, weil er sie so "unsterblich" liebt, sieht
er das Unheil und einem unausweichlichen Krieg auf Troja zukommen. Der
kriegsmüde gewordene Hektor zieht daraufhin alle Register diplomatischer
Verhandlungskunst, um den drohenden Krieg abzuwenden. Nach und nach überzeugt
er seinen Bruder Paris, Helena und den spitzfindigen Völkerrechtler
Busiris von seinem Plan, die Griechen als Gäste zu empfangen. Es
gelingt ihm sogar, Griechenlands gerissensten und wortgewandtesten Diplomaten
Odysseus, der ebenfalls nichts von Krieg hält,
für eine friedliche Lösung des Konfliktes zu gewinnen. Helena
geht zurück nach Sparta, und die Griechen werden sich ungesäumt
zu ihren Schiffen begeben. So ist der Plan. Aber Hektor hat die Rechnung
ohne die Kriegstreiber in den eigenen Reihen gemacht. Der unverbesserliche
Demokos nämlich schreit nach Verrat und will das Volk zum Kampf auffrufen,
und um den Versuch einer letzten Provokation durch die trojanische Kriegspartei
zu ersticken, ersticht Hektor Demokos. Sterbend erklärt Demokos den
Griechen Ajax für den Mörder und fordert die Trojaner zur Rache
auf, die sich auf Ajax stürzen und ihn töten. Damit ist Hektor's
Friedensmission gescheitert - Der trojanische Krieg kann beginnen...
Meine
Meinung zum Stück
Auf meine Frage, warum Regisseur Dennis Witton sich für ein Büro
als Schauplatz ausgesucht hat, antwortete er: "Viele Kriege werden
im Büro entschieden" und "Krieg ist Wirtschaft". Eines
macht Witton in seiner Inszenierung deutlich: Die Geschichte um Krieg
und Frieden aus der antiken Vorlage in die heutige Zeit kopiert unterstreicht
die Zeitlosigkeit des Themas. Das Theaterensemble dell' arte in Kerpen
durchleuchtet das Thema kritisch aber mit viel Ironie. Die ironische Entmythologisierung
lässt den Zuschauer schmunzeln, denn aus Helden und Übermenschen
werden Zeitgenossen und Alltagsmenschen, die sehr menschlich wirken schon
deswegen, weil Witton keine Kostüme aus der Antike wählt sondern
alle Darsteller in zeitgenössischer Kleidung auftreten lässt.
Sie haben
sich kein leicht zu spielendes Stück ausgesucht, doch das Ensemble
hätte nicht den ersten Preis des Theaterfestivals Rhein-Erft 2004
gemacht, wenn es nicht in der Lage wäre, diese schwierige Aufgabe
wieder zu meistern. Und sie haben ihre Aufgabe mit Bravour bestanden.
Auf meine Frage, woher Dennis Witton diese talentierten Schauspieler habe,
antwortete er sichtlich stolz, dass seine Spieler und Spielerinnen einfach
sehr professionell arbeiten, teilweise sogar den Beruf des Schauspielers
ins Auge fassen. Das Ensemble, und hier
muss man wirklich das perfekte Zusammenspiel aller Akteure loben, erzählt
Geschichte in einer wohltuend modern entkrampften Form. Es wird telefoniert,
mit Megaphon zum Volk gesprochen und selbst das Gespräch mit Odysseus
wird über eine Videoschaltung per Laptop geführt. Die Modernisierung
eines Klassikers ist immer gewagt. Aber hier passt es. Interessant wäre
es, die Geschichte in die heutige Wirtschaft zu projezieren: Hektor wäre
dann z. B. ein Industrieller und müde von den vielen Verhandlungen.
Troja Inc. wäre an
der Börse erfolgreich plaziert. Doch das Unheil naht: Ein Global
Player will die Firma feindlich übernehmen. Dazu verführt Firmenchefin
Helena den beteiligten Bruder Paris... na ja, und so weiter. Das zeigt,
dass man dieses Stück vielseitig interpretieren könnte.
In der Rolle des Hektors steht
Erik Sieb als Heimkehrer, gekleidet im Anzug, der Mittelpunkt
des Streits um Motive für Krieg ist: Schönheit, Heldentum und
reiche Beute. Er versteht es, Stimme und Körpersprache in Einklang
zu bringen und schafft sein Textpensum mit allen emotionellen Auf und
Abs bravourös. Auch sieht man ihm den Konflikt an, den er mit sich
trägt, denn Heldentum und Pazifismus passen nicht zusammen. Katharina
Hackhausen wird der Rolle der unendlich
gleichgültigen und verdorbenen Helena absolut gerecht. Ihr Auftritt
mit dem Lied "Ich will doch nur spielen" (Annett Louisan) zu
dem sie sich lasziv auf die Bühne zubewegt, deutet schon auf ihren
wahren Charakter hin: Sie liebt nicht; sie will die Männer von Troja
um den Verstand bringen und sie um den Finger wickeln. Hackhausen spielt
leidenschaftlich mit viel Mimik und...natürlich Reizen.
Hendrik Flacke
spielt den seelenverwandten Playboy und Entführer Paris. Er ist herrlich
locker in Jeans und Turnschuhen und da bei ziemlich naiv, wofür er
auch ständig
irgendwelche Ohrfeigen von sämtlichen Leuten erhält. Zum Beispiel
von seiner Mutter Hekuba, die glänzend von Natascha Consten
dargestellt wird. Sie ist derb in ihrer Art, und bezeichnet das Gesicht
des Krieges als "Affenarsch". Und das macht sie sehr überzeugend.
Ebenso wie alle anderen Darsteller:
Martin Peiffer als Hektor's Vater Priamos, Ilka
Dischereit als die Seherin Kassandra Alicia Augustin-Fröhlich
als Hektor's Frau Andromache, Michael Schulte
als rüpelhafter Grieche Ajax, Jörg Saborowski
als ungestümer Dichter
und Kriegstreiber Demokos, Susanne Jülich als kalt
kalkulierende Juristin Busiris und letztendlich die jüngsten Darsteller
Marvin Blesing als schüchterner Troilos und Didem
Karakoyunlo als Hekuba's ängstliche Tochter Polyxena gaben
ohne Ausnahme eine hervorragende Vorstellung bzw. Probe und lassen auf
eine perfekte Première mit hoffentlich stehendem Applaus hoffen.
Fazit
Ungekünsteltes Theater mit großen Gefühlen und Spielfreude.
Dazu viel Witz, originellen Ideen zu einem Thema mit immer aktuellem und
ernstem Hintergrund. Dieses Ensemble spielt in der Amateur-Liga
ganz oben mit und hat gute Chancen, auch im nächsten Jahr mit diesem
Stück auf dem Treppchen zu stehen. Es verwundert, dass die Stadt
Kerpen dem Ensemble kaum Unterstützung gewährt. Damit erklärt
sich auch, dass dieses Stück nicht mehr als dreimal aufgeführt
werden kann. "Das können wir uns finanziell nicht leisten!",
so Witton. Liebe Stadt Kerpen, was dieses Ensemble leistet ist Jugendkulturarbeit
vom Feinsten!
Ein echter Hingucker!
Und darum:
 Weitere
Aufführungen:
22./23./26
August 05
03.
September 06 (Löhrer Hof, Hürth)
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