Bunbury
eine Komödie von Oskar Wilde
Regie: Daniel Forschbach
Aufführungsort: Phönix-Theater Wesseling


Ein Bericht von Ingo Brückner

Voll ist es wieder im Theatersaal des Phönix-Theater. Erwartungsvoll schauen wir auf den schwarzen Vorhang, der keinen Blick auf das Bühnenbild zulässt. Pünktlich um 20 Uhr, denn Pünktlichkeit gehört ganz besonders in englischen Kreisen zur guten Sitte, öffnet sich dieser und zum Vorschein kommt ein schlicht gestaltetes Zimmer mit altmodischen Möbeln und ein Buttler, der gerade einen Scotch eingießt.


Die Geschichte

Möglicherweise war es der kleine englische Ort „Bunbury“, zwischen Birmingham und Liverpool in ländlicher Region, der Algernon, Abkömmling einer Adelsfamilie in London, dazu veranlasst hat, seinen kränklichen Freund auf dem Lande entsprechend zu nennen. Doch dieser „Bunbury“ ist ein imaginäres Geschöpf, das es Algernon ermöglicht, seinen allzu ernsten Verpflichtungen der Londoner Gesellschaft zu entfliehen, insbesondere seiner sich immer wieder zu Gurkensandwich und Tee einladenden Tante Augusta. So entronnen kann er sich dem wirklichen Lebensernst widmen, als Dandy durch ländliche Gegenden ziehen, zum reinen Vergnügen und um mit allem Ernst dem weiblichen Geschlecht nachzustellen, zu „bunburisieren“ wie er es zu nennen pflegt.
Auch sein ebenbürtiger Freund Jack erfreut sich seinerseits eines selbst erfunden Bruders, namens „Ernst“ - wie sich aufgrund eines verlorenen Zigarettenetuis gleich zu Beginn des Stücks herausstellt - um seinem noch ernsteren Leben zu entrinnen und wahrlich ernsthaft dem Vergnügen in London zu frönen. Auf dem Lande ist Jack ein sehr ernster Angehöriger der besser gestellten Gesellschaft. Verantwortung und Vorbildfunktion vor seinem Mündel geben ihm allen Grund seinen guten Ruf zu bewahren. Für den Einen ist es das ernsteste Anliegen der High Society Londons zu entfliehen. Für den Anderen der Wunsch das ernsthafte Leben auf dem Land für kurze Zeit hinter sich zu lassen, wobei beide sehr ernsthaft nach dem wirklichen Ernst des Vergnügens streben.

Dieses Treiben wird auf einmal ernsthaft, durch die jeweilige Begegnung mit der weiblichen und damit sehr ernst zunehmenden Angehörigen des Freundes, gestört. Diese Frauen sind den beiden Freunden im direkten Gegenüber äußerst zugetan, jedoch teilen sie die unüberwindbare Überzeugung, ernsthaft nur einen „Ernst“ lieben zu können. Denn wer ernst ist, erscheint interessant und andere, wie beispielsweise John, können allenfalls respektiert werden.
Aufgrund dieses Umstandes sind Jack und Algernon gewillt sich um der Ernsthaftigkeit willen taufen zu lassen. Dabei stellt sich allerdings noch ein Problem der Herkunft, das gelöst werden muss. Ein Findelkind, ob es nun in einer Handtasche auf dem Viktoriabahnhof in Richtung Worthing gefunden wird oder anderswo, kann unter keinen Umständen akzeptiert werden, wenn sich dahinter nicht eine hochgestellte Familie verbirgt. Das süße Nichtstun, wie es sich für einen anständigen heiratsfähigen Mann gehört, ist in der besseren Gesellschaft doch nicht ausreichend. Standesdünkel ist verpflichtend.
Um diese äußerst ernsten Angelegenheiten entsteht ein Verwirrspiel der besonderen Art, mit einem Feuerwerk an Wortwitz und feinfühligen Dialogen, die bei aller Lieblichkeit allzu scharf das heuchlerische Dasein der Upperclass im damaligen England kritisiert.
Die Frage um die weiterhin beständige Doppelmoral in allen oder doch nur in höheren gesellschaftlichen Schichten kann sich der Betrachter selbst stellen und möglicherweise auch beantworten. Der Autor hat sich in den beiden Hauptfiguren in vielfältiger Hinsicht selbst gezeichnet, wie sein Lebensstil als Dandy und Ästhet deutlich zeigt. Durch das Einfließen kleiner Details, wie das Verschenken von Zigarettenetuis, das ihm persönlich zu einem Steckenpferd wurde, verleiht er ihnen seine eigenen Züge.

Meine Meinung zum Stück
Der englische Humor ist sicherlich einer der ernsteren, und so ist diese Komödie nicht nur bissig sondern auch äußerst anspruchsvoll. Von Beginn an wird der Zuschauer mit textreichen Dialogen bombardiert, und wer da nicht achtgibt, weil er einen leichten Schwank erwartete, könnte in den ganzen Erklärungen, warum der eine "Ernst" heißt und nicht Jack und der andere hin und wieder "Bunburianer" ist, schnell den Faden verlieren. Dennoch schaffte es Regisseur Daniel Forschbach, das Verwirrspiel verständlich zu machen, indem er sich auf das Wesentliche beschränkt, und kurzerhand einige Textpassagen strich. Dass dabei die Gestaltung des Bühnenbildes etwas in die Nebensächlikeit rückte, ist nicht weiter schlimm, denn die Wahl der Darsteller war dafür ein Volltreffer. Glänzend in seiner Rolle als Algernon war Philipp Kalder. Mit einer unglaublichen Coolness beherrscht er nicht nur sein hohes Textvolumen sondern ist auch perfekt englisch...trocken. Sein Text sprudelt allerdings ein wenig zu schnell, so dass man trotz klarer Stimme manchmal Schwierigkeiten hat, ihm zu folgen. Es kam mir vor, als wolle er das Stück bewusst verkürzen. Doch das verhält sich genauso wie der Bleifuß auf der Autobahn: Gewinnen kann man höchstens ein bis zwei Minuten. Sehr gut besetzt ist auch sein Gegenspieler Volker Schumann als John. Zusammen bilden beide ein perfektes Gespann. Die Streitigkeiten um Gurkensandwichs und Muffins sind klasse von beiden dargestellt und sorgen für einige Lacher. Einen noch stärkeren Ausdruck des Rollenchrakters hätte ich mir allerdings doch gewünscht, denn ab und an erinnert Schumann ein wenig an seine letzte Rolle. Kerstin Rasmussen als Gwendolen ist der Wirbelwind dieser Inszenierung. Zusammen mit Gudrun Romes als herrlich naiv gespielte Cecily drehen die beiden so richtig auf, wenn es darum geht, die Männer um den Finger zu wickeln. Beide wirken sehr sicher und überzeugen in ihren Rollen. Ein richtiges Biest ist Petra Schiefer in der Rolle der Lady Bracknell. Ihre Blicke scheinen tödlich und der Ton ist scharf, wenn Sie sich durchsetzen will. Absolut gut umgesetzt. Ein weiteres Highlight ist Irmgard Notzem als Anstandsdame Miss Prism. Ihren rheinischen Dialekt kann sie nicht verbergen, jedoch passt der Dialekt zu ihrer Rolle als Anstandsdame, die sehr darauf bedacht ist, deutlich zu sprechen und sich in gehoberen Kreisen zu benehmen versucht. Und das gelingt ihr ganz natürlich. Auch Phönix-Erstlinge Uwe Grede als nervöser Dr. Chasuble und Christoph Meyn als pflichtbewusster Buttler Lane bzw. Merriman machen eine gute Figur auf der Bühne. Da Christoph Meyn zwei verschiedene Buttler spielt, hat er sich demonstrativ während der Umbaupause in den Zuschauerraum gesetzt und Frisur sowie Kostüm für jedermann sichtbar verändert, damit auch klar ist, dass er nun jemand anderes ist. Gute Idee.

Fazit
Alles in allem eine gelungene Umsetzung mit viel Wortwitz und gutem Zusammenspiel der Akteure. Aber auch ein Stück, bei dem Zuhören gefordert wird.
Das schreibt die Presse

Humor
Tempo
Schauspielerische Leistung
Bühnenbild

Weitere Aufführungen:

05./10./12./18.
November 06
10. Dezember 06
Infos: www.phoenix-theater.de

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