Voll
ist es wieder im Theatersaal des Phönix-Theater. Erwartungsvoll
schauen wir auf den schwarzen Vorhang, der keinen Blick auf das Bühnenbild
zulässt. Pünktlich um 20 Uhr, denn Pünktlichkeit gehört
ganz besonders in englischen Kreisen zur guten Sitte, öffnet sich
dieser und zum Vorschein kommt ein schlicht gestaltetes Zimmer mit
altmodischen Möbeln und ein
Buttler, der gerade einen Scotch eingießt.
Die
Geschichte
Möglicherweise war es
der kleine englische Ort „Bunbury“, zwischen Birmingham und
Liverpool in ländlicher Region, der Algernon, Abkömmling einer
Adelsfamilie in London, dazu veranlasst hat, seinen kränklichen
Freund auf dem Lande entsprechend zu nennen. Doch dieser „Bunbury“ ist
ein imaginäres Geschöpf, das es Algernon ermöglicht,
seinen allzu ernsten Verpflichtungen der Londoner Gesellschaft zu entfliehen,
insbesondere seiner sich immer wieder zu Gurkensandwich und Tee einladenden
Tante
Augusta. So entronnen kann er sich dem wirklichen Lebensernst widmen,
als Dandy durch ländliche Gegenden ziehen, zum reinen Vergnügen
und um mit allem Ernst dem weiblichen Geschlecht nachzustellen, zu „bunburisieren“ wie
er es zu nennen pflegt.
Auch sein ebenbürtiger Freund Jack erfreut sich seinerseits eines
selbst erfunden Bruders, namens „Ernst“ - wie sich aufgrund
eines verlorenen Zigarettenetuis gleich zu Beginn des Stücks herausstellt
- um seinem noch ernsteren Leben zu entrinnen und wahrlich ernsthaft dem
Vergnügen in London zu frönen. Auf dem Lande ist Jack ein sehr
ernster Angehöriger der besser gestellten Gesellschaft. Verantwortung
und Vorbildfunktion vor seinem Mündel geben ihm allen Grund seinen
guten Ruf zu bewahren. Für den Einen ist es das ernsteste Anliegen
der High Society Londons zu entfliehen. Für den Anderen der Wunsch
das ernsthafte Leben auf dem Land für kurze Zeit hinter sich zu lassen,
wobei beide sehr ernsthaft nach dem wirklichen Ernst des Vergnügens
streben.
Dieses
Treiben wird auf einmal ernsthaft, durch die jeweilige Begegnung mit
der weiblichen und damit sehr ernst zunehmenden Angehörigen des
Freundes, gestört. Diese Frauen sind den beiden Freunden im direkten
Gegenüber äußerst zugetan, jedoch teilen sie die unüberwindbare Überzeugung,
ernsthaft nur einen „Ernst“ lieben zu können. Denn
wer ernst ist, erscheint interessant und andere, wie beispielsweise John,
können
allenfalls respektiert werden.
Aufgrund dieses Umstandes sind Jack und Algernon gewillt sich um der
Ernsthaftigkeit willen taufen zu lassen.
Dabei stellt sich allerdings noch ein Problem der Herkunft, das gelöst
werden muss. Ein Findelkind, ob es nun in einer Handtasche auf dem Viktoriabahnhof
in Richtung Worthing gefunden wird oder anderswo, kann unter keinen Umständen
akzeptiert werden, wenn sich dahinter nicht eine hochgestellte Familie
verbirgt. Das süße Nichtstun, wie es sich für einen anständigen
heiratsfähigen Mann gehört, ist in der besseren Gesellschaft
doch nicht ausreichend. Standesdünkel ist verpflichtend.
Um diese äußerst ernsten Angelegenheiten entsteht ein Verwirrspiel
der besonderen Art, mit einem Feuerwerk an Wortwitz und feinfühligen
Dialogen, die bei aller Lieblichkeit allzu scharf das heuchlerische Dasein
der Upperclass im damaligen England kritisiert.
Die Frage um die weiterhin beständige Doppelmoral in allen oder doch
nur in höheren gesellschaftlichen Schichten kann sich der Betrachter
selbst stellen und möglicherweise auch beantworten.
Der Autor hat sich in den beiden Hauptfiguren in vielfältiger Hinsicht
selbst gezeichnet, wie sein Lebensstil als Dandy und Ästhet deutlich
zeigt. Durch das Einfließen kleiner Details, wie das Verschenken
von Zigarettenetuis, das ihm persönlich zu einem Steckenpferd wurde,
verleiht er ihnen seine eigenen Züge.
Meine Meinung zum Stück
Der englische Humor ist sicherlich einer der ernsteren, und so ist diese
Komödie
nicht nur bissig sondern auch äußerst anspruchsvoll. Von Beginn
an wird der Zuschauer mit textreichen Dialogen bombardiert, und wer da
nicht achtgibt, weil er einen leichten Schwank erwartete, könnte
in den ganzen Erklärungen, warum der eine "Ernst" heißt
und nicht Jack und der andere hin und wieder "Bunburianer" ist,
schnell den Faden verlieren. Dennoch schaffte es Regisseur Daniel
Forschbach,
das Verwirrspiel verständlich
zu machen, indem er sich auf das Wesentliche beschränkt, und kurzerhand
einige Textpassagen strich. Dass dabei die Gestaltung des Bühnenbildes
etwas in die Nebensächlikeit rückte, ist nicht weiter schlimm,
denn die Wahl der Darsteller war dafür ein Volltreffer. Glänzend
in seiner Rolle als Algernon war Philipp Kalder. Mit
einer unglaublichen Coolness beherrscht er nicht nur sein hohes Textvolumen
sondern ist auch perfekt englisch...trocken. Sein Text sprudelt allerdings
ein wenig zu schnell, so dass man trotz klarer Stimme manchmal Schwierigkeiten
hat, ihm zu folgen. Es kam mir vor, als wolle er das Stück bewusst
verkürzen. Doch
das verhält sich genauso wie der Bleifuß auf der Autobahn:
Gewinnen kann man höchstens ein bis zwei Minuten. Sehr gut besetzt
ist auch sein Gegenspieler Volker
Schumann als John. Zusammen bilden beide ein perfektes Gespann.
Die Streitigkeiten um Gurkensandwichs und Muffins sind klasse von beiden
dargestellt und sorgen für einige Lacher. Einen noch stärkeren
Ausdruck des Rollenchrakters hätte ich mir allerdings doch gewünscht,
denn ab und an erinnert Schumann ein wenig an seine
letzte Rolle. Kerstin
Rasmussen als
Gwendolen ist der Wirbelwind dieser Inszenierung. Zusammen mit Gudrun
Romes als herrlich naiv gespielte Cecily drehen die beiden so
richtig auf, wenn es darum geht, die Männer um den Finger zu wickeln.
Beide wirken sehr sicher und überzeugen in ihren Rollen. Ein richtiges
Biest ist Petra
Schiefer in
der Rolle der Lady Bracknell. Ihre Blicke scheinen tödlich und der
Ton ist scharf, wenn Sie sich durchsetzen will. Absolut gut umgesetzt.
Ein weiteres Highlight ist Irmgard Notzem als Anstandsdame
Miss Prism. Ihren rheinischen Dialekt kann sie nicht verbergen, jedoch
passt der Dialekt zu ihrer Rolle als Anstandsdame,
die sehr darauf bedacht ist, deutlich zu sprechen und sich in gehoberen
Kreisen zu benehmen versucht. Und das gelingt ihr ganz natürlich.
Auch Phönix-Erstlinge Uwe
Grede als
nervöser Dr. Chasuble und Christoph Meyn als pflichtbewusster
Buttler Lane bzw. Merriman machen eine gute Figur auf der Bühne.
Da Christoph Meyn zwei verschiedene Buttler spielt, hat er sich demonstrativ
während der Umbaupause in den Zuschauerraum gesetzt und Frisur
sowie Kostüm für jedermann sichtbar verändert, damit auch
klar ist, dass er nun jemand anderes ist. Gute Idee.
Fazit
Alles in allem eine gelungene Umsetzung mit viel Wortwitz und gutem Zusammenspiel
der Akteure. Aber auch ein Stück, bei dem Zuhören gefordert wird.
Das schreibt die Presse
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| Schauspielerische Leistung |
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Weitere
Aufführungen:
05./10./12./18.
November
06
10. Dezember
06
Infos: www.phoenix-theater.de
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