Hier kocht der Chef!
eine Farce in zwei Akten von Dave Freeman
Regie: Hans-Josef Pütz
Aufführungsort: Thalia-Theater Sindorf


Ein Bericht von Ingo Brückner

"Eine Farce ist eine Komödie die das Ziel hat, die Zuschauer mit Hilfe unwahrscheinlicher oder extravaganter, aber häufig möglichen Situationen, Verkleidungen und Verwechslungen zu unterhalten. Sprachlicher Humor, inklusive Wortspiele und sexuelle Anspielungen, und ein schnelles Tempo, das im Verlaufe des Stückes noch schneller wird, und bewusste Absurdität oder Unsinn sind auch häufig in einer Farce zu finden" (Quelle: Wikipedia).


Im letzten Jahr hatte ich mir die Boulevardkomödie "Wirst Du mich auch morgen früh noch lieben?" angeschaut und war sehr begeistert. Ich war gespannt, ob die selben Darsteller in einer anderen Rolle genauso überzeugen können.
Der Vorhang öffnete sich, und zum Vorschein kam (erwartungsgemäß) ein sehr aufwendig und liebevoll gestaltetes Bühnenbild. Schauplatz ist ein Wellness-Hotel mit, wie sollte es anders sein, vielen Türen. Ganz klar, dass es hier wieder rund gehen wird.

Die Geschichte
Das junge Ehepaar Julia und Roland Dickerby führt zusammen mit Julias Mutter Olivia de Vere eine kleine Wellness-Farm. Mutter Olivia hat es dabei nicht leicht mit ihrem Schwiegersohn, dessen Arbeitseifer sich schwer in Grenzen hält. Viel lieber läuft er zu Auktionshäusern, um nutzlose Dinge wie alte Koffer, ein ausgestopftes Kamel oder eine Koch-Puppe nebst Speisekarte zu ersteigern. Eines Tages taucht ein Gast auf, der von den Toten auferstanden zu sein scheint:

Sidney, der "verstorbene" Ex-Mann von Julia. Die heile Welt gerät aus den Fugen, denn von Sidneys ausgezahlter Lebensversicherung haben Julia und Roland die Wellness-Farm gekauft. Seine "Auferstehung" hätte nun zur Folge, dass die Farm verkauft werden müsste, um die Versicherungspräme zurück zahlen zu können. Glücklicherweise weiß außer Roland bisher niemand von Sidneys Rückkehr und so schlägt Sidney dem neuen Ehemann einen Handel vor: Sidney möchte einen Safe-Schlüssel von Julia haben, den Roland finden und ihm geben soll. Im Gegenzug verschwindet Sidney wieder nach Madagaskar und will auch nichts von der Versicherungsprämie wissen. Diese Abmachung ist jedoch leichter ausgesprochen als erfüllt, denn es gilt, den vermeintlich toten Ehemann erst einmal unsichtbar zu machen. Es dauert auch nicht lange bis Mutter Olivia erscheint und Sidney auf dem Boden liegen sieht, der in einem Schrank nach dem Safe-Schlüssel sucht. Roland erklärt Ihr, dass es sich um einen besoffenen Kammerjäger handelt, der nach einem Holzwurm sucht. Und so geht das Versteckspiel immer weiter. Sidney soll sich in der Wellness-Oase verstecken, trifft dort aber wieder auf Olivia worauf er mit seiner Kleidung ins Tauchbecken der Sauna-Anlage springt. Roland besorgt ihm einen alten Regenmantel zum Überziehen und verfrachtet ihn erst einmal in einen Gäste-Bungalow. Dumm nur, dass sich gerade Vanessa Harbinger, die Gattin eines Versicherungsfahnders, mit Julia auf den Weg dorthin befindet. Als Sidney ihnen begegnet, zieht er den Mantel über den Kopf, um nicht erkannt zu werden. Dummerweise entblöst er dabei nackte Tatsachen und wird von da an als perverser Exibitionist gesucht. Roland hat es indes schon schwer genug. Nicht nur, dass Hooper, ein äußerst hungriger Gast, ihn ständig anfährt, weil er die ganze Rohkost satt ist, er hat schwer damit zu tun, Sidney immer wieder neu zu verstecken und ihn bei weiteren Begegnungen als französischen Arzt oder als neuen Kellner den anderen zu erklären. Doch ist es nicht zu verhindern, dass Julia trotzdem auf ihren Ex-Mann bzw. Wieder-Ehemann trifft. Jetzt muss die Geschichte umgeschrieben werden, denn alle erfahren es, dass Sidney doch lebt. Vanessa Harbinger sieht ihn als Betrüger schon hinter Gittern.

Dies gilt es abzuwenden: Sidney muss also wieder sterben. Der französische Arzt erklärt Vanessa, dass Sidney am Ping-Peng Fieber erkrankt ist und sich nach der Diagnose das Leben nahm. Vanessa ruft die Polizei. Doch wie erklärt man ihr, dass es keine Leiche gibt? Also war alles nur ein Irrtum, denn das Heilwasser der Farm verursacht manchmal Halluzinationen. Sidney muss also doch wieder erscheinen, aber wie...?

 

Meine Meinung zum Stück
Dieses Ensemble hat sich auf Komödien spezialisiert und geht dabei sehr professionell vor. Regisseur und Akteur Hans-Josef Pütz hat es einfach drauf, seine Komödien so zu inszenieren, dass wirklich kein Auge im Saal trocken bleibt. So wie in dieser Inszenierung habe ich es selten erlebt. Ein Schenkelklopfer folgte dem nächsten. Die Zuschauer waren außer Rand und Band. Und die Darsteller auch. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten mit einem kurzen Textaussetzer spielte es sich nicht warm sondern heiß. Mit einem irren Tempo sprinteten sie über die Bühne, dass ihnen am Ende der Schweiß aus allen Poren drang und hatten dabei ein ganz schönes Textpensum zu bewältigen. Jeder der sieben Darsteller hatte dabei eine ganz besondere Rolle zu verkörpern.

Sascha Bücher spielte Roland Dickerby. Er beherrschte seinen riesigen Text, weiß genau, wie er das Publikum kitzeln und schließlich zum Lachen bringt. Er läuft dabei aber Gefahr, sich eher auf die Wirkung seines brillianten Erscheinungsbildes zu konzentrieren als auf die Rolle selbst. Denn seine Mimik verrät, dass er über sich selbst gerne schmunzelt. Da kommt es schon mal vor, dass er sich dazu verleiten lässt, mitzulachen. Aber Schwamm drüber. Ohne ihn wäre das Stück nur halb so lustig.

Auch Klaus Balsmann als Hooper und Running-Gag dieses Stückes kann sein leichtes Grinsen nicht verbergen. Ständig taucht er auf, sucht etwas zum Essen und versteckt sich in der Abstellkammer. Schön gespielt. Hans-Josef Pütz ist der tote, nicht tote und doch wieder tote Ehemann Sidney, der französische Arzt mit "fronsösischem Accent", der neue Koch, der neue Kellner, der Exibitionist und der Kammerjäger in einer Person. Pütz inszeniert nicht nur überzeugend, er spielt auch so, als wäre die Komödie sein Beruf und die Bühne sein Zuhause. Ein besseres Lob kann man nicht aussprechen.

Auch Susanne Büchner brachte eine Glanzleistung als Vanessa Harbinger. Wenn Sie auftrat ging es lustig zu. Mit schriller Stimme und entsprechender Mimik spielte sie die neugierige "Miss Marple". Nach einem ordentlichen Schluck aus der Gin-Pulle, torkelte sie überzeugend durch das Geschehen und sorgte für viele Lacher. Herrlich! Ingrid Minke spielte die zickige Schwiegermutter Olivia de Vere. So stellt man sich eine Business-Frau vor: Korrekt, streng, penibel und ständig kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Überzeugend gespielt und wirklich ein Grund, als Schwiegersohn "tot zu bleiben".

Uschi Knepper als Ehefrau zweier Ehemänner spielte sehr natürlich und war der angenehme Ruhepol in diesem hecktischen Hin und Her. Auch Andrea Pütz als Polizistin Sgt. Campbell spielte die Rolle authentisch, sachlich, gut.

Und was sagen die Zuschauer? "Besorgst Du mir nächstes Jahr wieder eine Karte? Ich bin ab jetzt dabei!". Ich glaube, das Ensemble könnte doppelt so viele Karten verkaufen, aber "das hat dann nichts mehr mit Hobby zu tun" so Regisseur Hans-Josef Pütz am Ende der Première. Denn wieder einmal sind alle Karten ausverkauft. Und das spricht wohl dafür, dass Menschen gerne lachen, und dass sie das besonders gerne in diesem Theater tun.

Fazit
Auch wenn ich Boulevardkomödien einfach nicht mag, war diese Aufführung so lustig, dass ich sie auf jeden Fall weiter empfehlen kann. Alleine die Spielfreude der Darsteller, das schöne Bühnenbild, die irre Stimmung im Publikum und die teilweise wirklich guten Gags sind es einfach wert, die Inszenierung zu sehen. Ich würde es wieder tun.

Das schreibt die Presse

 

Humor
Tempo
Bühnenbild
Schauspielerische Leistung

Weitere Aufführungen:

15./20./21./22./28./29.
Oktober 06
03./04./05./10./11./24./25./26.
November 06
Infos: www.thalia-sindorf.de

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