Mit
15 Mann betreten wir das Schauspielhaus in Köln als ziemlich große
Gruppe und füllen entsprechend den Zuschauerraum...na ja, nicht
wirklich, denn die Bude ist rappelvoll und mit 15 Mann sind wir nur
ein kleines Licht gegenüber den vielen erwartungsvollen Besuchern.
Heute dürfte wohl wieder ausverkauft sein! Und das ist nicht verwunderlich.
Denn nach der ersten erfolgreichen Produktion seines musikalischen
Projektes "Erdbeerfelder für immer" ist man gespannt,
ob Erik Gedeons zweite Werk genau so lustig ist und überhaupt
an das vergangene Stück herankommen kann. Aber das, was man so
hörte klang bis
jetzt vielversprechend.
Auf der Bühne befindet
sich ein halbrunder Tisch in einem großen Raum dessen Wände
mit Holz prunkvoll und doch schlicht verkleidet sind. Die Europafahnen
links und rechts runden den Eindruck ab, dass wir einen Einblick
in einen europäischen Sitzungssaal in Brüssel erhalten.
Auf der linken Seite befindet sich ein schwarzer Flügel und
ein Geigenkoffer. Oberhalb der hohen Wände leuchtet der blaue
Himmel durch die großzügig gestalteten Fenster.
Die Geschichte:
Das
Licht geht aus, und die Darsteller gehen in Position. Pianist, Henning
Brand, und Violinist Radek Stawarz beginnen
musikalisch, während das Licht langsam aufleuchtet und die
Darsteller zeigt, die über die ganze Bühne verteilt sind
und in recht seltsamen Stellungen auch noch singen müssen.
Am Ende des Liedes nehmen alle am runden Tisch Platz und starren
freundlich grinsend ins Publikum. Der erste erhebt sich und begrüßt
die Teilnehmer auf Englisch, womit schnell klar wird, dass es sich
bei ihm wohl um den Vertreter aus England handeln muss. Was er
dann von sich gibt, ist nicht wirklich eine Rede sondern nur Bla
Bla. Und so ist jeder Volksvertreter an der Reihe und stellt sein
Land vor oder gibt in kurzen Stichworten bekannt, was er von den
anderen hält. Darunter die großen: Deutschland, Frankreich,
Italien, Spanien und natürlich England. Mit nur sechs Darstellern
ist Europa aber nicht zu repräsentieren, und so hat der sechste
Darsteller die Aufgabe, gleich alle restlichen kleineren Länder
zu vertreten. Welches Land gerade an der Reihe ist kann man an
den Kärtchen sehen, die er immer wieder umdreht und auf denen
das jeweilige Land in großen Lettern steht. Und so startet
jedes Land mit einem kleinen Liedchen. Aber nicht etwa mit der
Nationalhymne. Italien beginnt mit "Volare (cantare)" und
irgendwann stimmen alle fröhlich mit ein.
Dann
werden die Flaggen der einzelnen Länder stolz präsentiert
und...gebügelt. Und das geht natürlich nicht ohne den nötigen
Stolz. Der Vetreter des deutschen Volkes bemerkt beim Entfalten seiner
Fahne, dass er wohl versehentlich die der DDR eingepackt hat und flüchtet
verschämt auf seinen Platz, wo er Hammer und Sichel mit einer
Schere zu Leibe rückt. Die Niederlande stimmt mit dem nächsten
Lied "Mama" auf niederländisch ein, das mir nur von
Heintje bekannt ist und dann auf deutsch. Aber es klingt irgendwie
witzig und manchmal vergisst der Volksvertreter dabei, dass er ein
Bügeleisen in der Hand hat, mit dem er sich immer wieder verbrennt.
Als
nächstes werden Geschenke ausgetauscht. Italien schenkt Sangria,
Spanien einen Korb Orangen, England ein gerupftes Huhn, Frankreich
natürlich ein Baguette und Deutschland eine Kette Weißwurscht,
und somit wurde allen Klischees gerecht. Deutschland erhält übrigens
kein Geschenk...
Plötzlich rastet die französische Kanditatin aus und prügelt
auf den Mann aus England ein, der sich schließlich am Boden krümmt,
während sie Piaf's Lied "Non, je ne regrette rien" einstimmt
und die anderen vor ihren Blicken zurückschrecken.
Mit
Peitsche, Kastanietten und Schellenkranz stimmt Deutschland mit "Zigeunerjunge" ein
und versucht sich damit ein wenig mehr in die Herzen der anderen zu
singen, was ihm aber nicht gelingt. Deutschland ist offenbar nicht
sehr beliebt. Überhaupt ist der deutsche Vertreter extrem luschig,
verklemmt und immer um Anerkennung bemüht, Italien dafür
anständig christlich, England etwas reserviert, Frankreich ziemlich
direkt und brutal und Spanien sehr temperamentvoll. Und das zeigt die
Dame aus dem Süden auch mit ihrem Lied "Bamboleio" und
dem feurig spanischem Tanz.
In der nächsten Szene
wird gewählt. Wer oder was dringt nicht durch, aber das ist auch
eher zweitrangig. Entscheidend ist eher, wie gewählt wird: Deutschland
stellt sich pressefreundlich in Position, Malta schummelt mit gleich
mehreren Wahlzetteln, Spanien steckt mit der Hand in der Box fest,
England will den Zettel nochmal herausnehmen und erntet dafür
von Frankreich wieder Prügel. Dabei landet er mit dem Kopf zuerst
in der Wahlbox. Aber das hällt ihn nicht davon ab mit dem Lied "We
are the champions" die erfolgreiche Wahl zu abzuschließen.
Es
kommt zum nächsten Tagesordnungspunkt, den Deutschland eröffnet: "Europa"!
Und kaum ist das Wort ausgesprochen,
öffnet sich die große Tür im Hintergrund, und es erscheint
ein nett grinsender junger Herr, der sich irgendwie gerufen fühlt.
Mit einem Einkaufsrolli bestückt betritt er den Raum, öffnet
seine Tasche und packt wie selbstverständlich eine kleine türkische
Tischfahne aus. Daraufhin folgt türkisches Liedgut (ohne Begleitung),
das zum Erstaunen aller kein Ende zu finden scheint. Denn immer wenn
die Abgeordneten glauben, die letzte Strophe sei erklungen und dann höflich
klatschen, setzt der ungebetene Gast zur nächsten Strophe an. Vom
Lied des Türken überrumpelt, hält man mit Ramazzotti's "Piu
bella cosa" dagegen. Man komplimentiert den Türken freundlich
nach draußen, jedoch nicht, ohne ihm vorher einen Präsentkorb
gefüllt mit "JA"-Produkten zu überreichen. Sicherlich
ist dieses kein Ja zum Beitritt in die EU sondern eher ein preiswertes
Geschenk...oder ein Jein?
2. Versuch: Mit einem Trömmelchen
bewaffnet, das er an den Pianisten weitergibt, versucht der Muslime
es mit türkischer Folkloremusik und -tanz. Spätestens hier
ist die Sympathie für den Türken auf das Publikum übergeschwappt,
das im Takt mitklatscht und ihn so laut bejubelt, dass einem fast das
Trommelfell platzt. Aber Finnland hält dagegen. Mit finnischem
Liedgut und seltsam monoton wippendem Stehtanz, der keinen wirklich überzeugt,
aber es geht ja darum, dem Türken klar zu machen, dass Europa
so etwas schon hat. Mit einem stolzen "Ja haa!" endet der
Finne seinen Tanz und Türke darf gehen.
3.
Versuch: Erotik ist gefragt. Dazu der Song "Sikerim" und
einer Menge Hüftschwünge, zu denen die staunenden Parlamentarier
wir hypnotisiert zucken. Der Türke fühlt sich als Sieger
und packt seine große Nationalflagge aus, um sie ebenfalls zu
bügeln. Dabei pfeift er fröhlich "Freude schöner
Götterfunken". Doch er hat nicht mit Frankreich gerechnet,
die mit "Je m'apelle Lolita"
sehr viel mehr Erotik drauf hat und ihm wieder zu verstehen gibt, dass
Erotik keine Mangelware in Europa ist.
4. Versuch: Mit Orientteppich
bewaffnet und einem Wagen, der sich als Döner-Stand entpuppt gewinnt
er erstmals ein Mitglied für sich. Wie soll es anders sein: Deutschland
bestellt bei ihm einen Döner und faselt etwas von "Schmeckt
wie Süden...so saftig", um dann plötzlich umzuschwenken
und mit "Stein um Stein" von Rammstein seinen ganzen Hass
gegenüber seinem Gegenüber kund zu tun. Heftig! Türke
geht und während man dem Deutschen gratuliert, verbarrikadiert
man vorsichtshalber alle Türen, um den ungebetenen Gast abwehren
zu können.
5. Versuch: Doch der hat schon
längst einen Weg durch die Fenster gefunden. Mit einem Seil und
deutschem Liedgut, genauer Mozart's Entführung aus dem Serail,
versucht er es noch einmal, die Klassikfreunde zu begeistern. Die Parlamentarier
kommentieren das mit ihrem Bild über die Türkei: Sie ziehen
sich Kopftücher auf und binden sich Sprengstoff um den Bauch.
Türke geht beschämt.
6.
Versuch: Mit dem Koran bewaffnet kommt Türke wieder, um seine
Gegner zu bekehren, streut dabei Rosenblätter und legt seine Hand
auf. Das ruft die christliche Italienerin auf den Plan, die einen Koffer
auspackt, in dem sich ein Kreuz befindet, das wie ein Maschinengewehr
zusammengesteckt und dem Türken vors Gesicht gehalten wird. Mit "Reach
out" von Depeche Mode hat es den Anschein, als wollten sie ihm
das Böse austreiben. Schließlich wird er in seinen Teppich
eingerollt, und man rückt ihm mit einer brennenden Fackel näher.
Doch bevor es dazu kommt, dass ihm etwas geschieht, öffnen sich
die beiden Tore und Amerika erscheint heroisch zu seiner Rettung. Mit "Walk
on through the wind" macht sie dem Türken Mut und fordert
ihn auf, mit Hoffnung im Herzen weiter zu kämpfen.
Und dann schwenzelt alles um die Vertreterin Amerikas herum, um mit
"I like to be in America" um die Gunst der Amerikaner zu buhlen.
Auch Türke fühlt sich gestärkt, selbst wenn man ihn weiter
mit "better you get rid of your
accent" stichelt. Freudestrahlend schwenkt er die amerikanische
Flagge, die versehentlich an die Fackel gerät und somit Feuer fängt.
Da versteht Amerika aber keinen Spaß mehr. Resolut öffnet
Amerika, natürlich mit einem eigenen Schlüssel, eine Türe,
und zum Vorschein kommt eine überdimensionale Panzerfaust. Mit dieser
Waffe verfolgt die Amerikanerin den Bösewicht und trifft mehrfach,
natürlich hinter den Kulissen, mit großem Getöse, während
die anderen Mozart's "Alla Turca" lauschen. Türke bricht
zusammen und Amerika kommentiert dies mit "No one knows what it's
like to be the bad man" (Behind blue eyes).
7. Versuch: Mit letzter Kraft
steht Türke wieder auf und singt "Blue Suede shoes".
Amerika scheint beeindruckt zu sein und bietet ihm zur Versöhnung
ein Chewing Gum an. Er nimmt es und spuckt ihr anschließend ins
Gesicht. Doch mit "We are the world" ist es "time to
lend a hand" und Zeit dafür "to make a better world".
Und so kommt es nicht zum Eklat. Man reicht sich die Hände und
alles ist wieder gut.
Und nun? Findet die Türkei
ihren Platz im Europaparlament? JA! Mit Wischmop und Eimer bestückt,
wird Türke von Deutschland eingewiesen, wo er putzen soll...
Meine Meinung zum
Stück:
Absolut
identisch mit seinem Erstlingswerk "Erdbeerfelder für
immer"
ist die Tatsache, dass es keinen gesprochenen Text gibt bzw. man diesen
wahrscheinlich auf einen Bierdeckel locker unterbringen kann. Ganz klar,
der Schwerpunkt ist die Musik und natürlich das Spiel mit den Figuren/Nationalitäten,
dem Thema und den vielen Klischees, die in diesem Stück untergebracht
sind. Natürlich steht im Mittelpunkt die ernste politische Frage, über
den Beitritt der Türkei in die Europäischen Gemeinschaft sowie
die Ängste und Vorurteile gegenüber anderen Kulturen und Religionen.
Aber wirklich ernst nehmen darf man die Auseinandersetzung mit diesen
Themen, zumindest in dieser Aufführung, nicht. Auch, wenn hinter
manch überzogenener Darstellung ein wahrer und ernst zu nehmender
Kern steckt. Eine Antwort auf die heikle Frage über den türkischen
EU-Beitritt gibt Erik Gedeon jedenfalls nicht. Er kommentiert nur mit
seinem bissigen Humor und lässt Geschichte und aktuelle Geschehnisse äußerst
lustig inszeniert dahin gleiten. Der Anfang des Stückes zieht sich
ein wenig bis der Auftritt des Hauptdarstellers Andreas Grötzinger als
Türke Ayhan Onur erfolgt. Er spielt sich nicht nur mit viel Charme
in die Herzen der Zuschauer, er verleiht dem Stück auch das nötige
Tempo. Er spielt den Muslimen äußerst überzeugend. Selbst
im Gesang merkt man ihm nicht an, dass er in Wirklichkeit deutscher Staatsbürger
ist. Anja Herden in der Rolle der spanischen Encarnación
Garriga ist teuflisch temperamentvoll und hat eine tolle Soul-Stimme. Anja
Lais als französische Danielle Hortefeux ist richtig böse,
und das von Anfang bis Ende. Dirk Lange als Jan Baltas
und Vertreter aller restlichen kleinen EU-Mitglieder spielt ebenso überzeugend
vielfältig wie Tom Jacobs als Engländer, Sandra
Maria Schöner als amerikanische Joanne B. Goode und Jördis
Triebel als italienische Amalia di Lello, die so schön
das Kreuz hochwürgen kann. Auch positiv zu erwähnen sind die
polnischen Abgeordneten am Klavier, Henning Brand als
Lolek, und an der Violine, Radek Stawarz als Bolek,
die zwischendurch immer wieder nach einer Spende fragen, bei den Parlamentariern
aber auf taube Ohren stoßen: "Spende....Bitte!"
Fazit:
Mit
zwei Stunden ohne Pause ist "Europa für Anfänger" eine
trotzdem kurzweilige und gelungene Mischung aus Komödie und
Liederabend mit politischem Hintergrund. Und eine Erkenntnis nahmen
wir sicherlich alle mit: Wie sympathisch doch die Türken sein
können! Ein Abend für die Völkerverständigung.
| Schauspielerische
Leistung |
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| Bühnenbild |
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| Gesang/Musik |
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| Humor |
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| Tempo |
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