Europa für Anfänger
Ein Abend mit Türke
von Erik Gedeon
Regie: Erik Gedeon

Ein Bericht von Ingo Brückner
Fotos und Copyright: Klaus Lefebvre


Mit 15 Mann betreten wir das Schauspielhaus in Köln als ziemlich große Gruppe und füllen entsprechend den Zuschauerraum...na ja, nicht wirklich, denn die Bude ist rappelvoll und mit 15 Mann sind wir nur ein kleines Licht gegenüber den vielen erwartungsvollen Besuchern. Heute dürfte wohl wieder ausverkauft sein! Und das ist nicht verwunderlich. Denn nach der ersten erfolgreichen Produktion seines musikalischen Projektes "Erdbeerfelder für immer" ist man gespannt, ob Erik Gedeons zweite Werk genau so lustig ist und überhaupt an das vergangene Stück herankommen kann. Aber das, was man so hörte klang bis
jetzt vielversprechend.

Auf der Bühne befindet sich ein halbrunder Tisch in einem großen Raum dessen Wände mit Holz prunkvoll und doch schlicht verkleidet sind. Die Europafahnen links und rechts runden den Eindruck ab, dass wir einen Einblick in einen europäischen Sitzungssaal in Brüssel erhalten. Auf der linken Seite befindet sich ein schwarzer Flügel und ein Geigenkoffer. Oberhalb der hohen Wände leuchtet der blaue Himmel durch die großzügig gestalteten Fenster.

Die Geschichte:
Das Licht geht aus, und die Darsteller gehen in Position. Pianist, Henning Brand, und Violinist Radek Stawarz beginnen musikalisch, während das Licht langsam aufleuchtet und die Darsteller zeigt, die über die ganze Bühne verteilt sind und in recht seltsamen Stellungen auch noch singen müssen. Am Ende des Liedes nehmen alle am runden Tisch Platz und starren freundlich grinsend ins Publikum. Der erste erhebt sich und begrüßt die Teilnehmer auf Englisch, womit schnell klar wird, dass es sich bei ihm wohl um den Vertreter aus England handeln muss. Was er dann von sich gibt, ist nicht wirklich eine Rede sondern nur Bla Bla. Und so ist jeder Volksvertreter an der Reihe und stellt sein Land vor oder gibt in kurzen Stichworten bekannt, was er von den anderen hält. Darunter die großen: Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und natürlich England. Mit nur sechs Darstellern ist Europa aber nicht zu repräsentieren, und so hat der sechste Darsteller die Aufgabe, gleich alle restlichen kleineren Länder zu vertreten. Welches Land gerade an der Reihe ist kann man an den Kärtchen sehen, die er immer wieder umdreht und auf denen das jeweilige Land in großen Lettern steht. Und so startet jedes Land mit einem kleinen Liedchen. Aber nicht etwa mit der Nationalhymne. Italien beginnt mit "Volare (cantare)" und irgendwann stimmen alle fröhlich mit ein.

Dann werden die Flaggen der einzelnen Länder stolz präsentiert und...gebügelt. Und das geht natürlich nicht ohne den nötigen Stolz. Der Vetreter des deutschen Volkes bemerkt beim Entfalten seiner Fahne, dass er wohl versehentlich die der DDR eingepackt hat und flüchtet verschämt auf seinen Platz, wo er Hammer und Sichel mit einer Schere zu Leibe rückt. Die Niederlande stimmt mit dem nächsten Lied "Mama" auf niederländisch ein, das mir nur von Heintje bekannt ist und dann auf deutsch. Aber es klingt irgendwie witzig und manchmal vergisst der Volksvertreter dabei, dass er ein Bügeleisen in der Hand hat, mit dem er sich immer wieder verbrennt.

Als nächstes werden Geschenke ausgetauscht. Italien schenkt Sangria, Spanien einen Korb Orangen, England ein gerupftes Huhn, Frankreich natürlich ein Baguette und Deutschland eine Kette Weißwurscht, und somit wurde allen Klischees gerecht. Deutschland erhält übrigens kein Geschenk...
Plötzlich rastet die französische Kanditatin aus und prügelt auf den Mann aus England ein, der sich schließlich am Boden krümmt, während sie Piaf's Lied "Non, je ne regrette rien" einstimmt und die anderen vor ihren Blicken zurückschrecken.

Mit Peitsche, Kastanietten und Schellenkranz stimmt Deutschland mit "Zigeunerjunge" ein und versucht sich damit ein wenig mehr in die Herzen der anderen zu singen, was ihm aber nicht gelingt. Deutschland ist offenbar nicht sehr beliebt. Überhaupt ist der deutsche Vertreter extrem luschig, verklemmt und immer um Anerkennung bemüht, Italien dafür anständig christlich, England etwas reserviert, Frankreich ziemlich direkt und brutal und Spanien sehr temperamentvoll. Und das zeigt die Dame aus dem Süden auch mit ihrem Lied "Bamboleio" und dem feurig spanischem Tanz.

In der nächsten Szene wird gewählt. Wer oder was dringt nicht durch, aber das ist auch eher zweitrangig. Entscheidend ist eher, wie gewählt wird: Deutschland stellt sich pressefreundlich in Position, Malta schummelt mit gleich mehreren Wahlzetteln, Spanien steckt mit der Hand in der Box fest, England will den Zettel nochmal herausnehmen und erntet dafür von Frankreich wieder Prügel. Dabei landet er mit dem Kopf zuerst in der Wahlbox. Aber das hällt ihn nicht davon ab mit dem Lied "We are the champions" die erfolgreiche Wahl zu abzuschließen.

Es kommt zum nächsten Tagesordnungspunkt, den Deutschland eröffnet: "Europa"! Und kaum ist das Wort ausgesprochen, öffnet sich die große Tür im Hintergrund, und es erscheint ein nett grinsender junger Herr, der sich irgendwie gerufen fühlt. Mit einem Einkaufsrolli bestückt betritt er den Raum, öffnet seine Tasche und packt wie selbstverständlich eine kleine türkische Tischfahne aus. Daraufhin folgt türkisches Liedgut (ohne Begleitung), das zum Erstaunen aller kein Ende zu finden scheint. Denn immer wenn die Abgeordneten glauben, die letzte Strophe sei erklungen und dann höflich klatschen, setzt der ungebetene Gast zur nächsten Strophe an. Vom Lied des Türken überrumpelt, hält man mit Ramazzotti's "Piu bella cosa" dagegen. Man komplimentiert den Türken freundlich nach draußen, jedoch nicht, ohne ihm vorher einen Präsentkorb gefüllt mit "JA"-Produkten zu überreichen. Sicherlich ist dieses kein Ja zum Beitritt in die EU sondern eher ein preiswertes Geschenk...oder ein Jein?

2. Versuch: Mit einem Trömmelchen bewaffnet, das er an den Pianisten weitergibt, versucht der Muslime es mit türkischer Folkloremusik und -tanz. Spätestens hier ist die Sympathie für den Türken auf das Publikum übergeschwappt, das im Takt mitklatscht und ihn so laut bejubelt, dass einem fast das Trommelfell platzt. Aber Finnland hält dagegen. Mit finnischem Liedgut und seltsam monoton wippendem Stehtanz, der keinen wirklich überzeugt, aber es geht ja darum, dem Türken klar zu machen, dass Europa so etwas schon hat. Mit einem stolzen "Ja haa!" endet der Finne seinen Tanz und Türke darf gehen.

3. Versuch: Erotik ist gefragt. Dazu der Song "Sikerim" und einer Menge Hüftschwünge, zu denen die staunenden Parlamentarier wir hypnotisiert zucken. Der Türke fühlt sich als Sieger und packt seine große Nationalflagge aus, um sie ebenfalls zu bügeln. Dabei pfeift er fröhlich "Freude schöner Götterfunken". Doch er hat nicht mit Frankreich gerechnet, die mit "Je m'apelle Lolita" sehr viel mehr Erotik drauf hat und ihm wieder zu verstehen gibt, dass Erotik keine Mangelware in Europa ist.

4. Versuch: Mit Orientteppich bewaffnet und einem Wagen, der sich als Döner-Stand entpuppt gewinnt er erstmals ein Mitglied für sich. Wie soll es anders sein: Deutschland bestellt bei ihm einen Döner und faselt etwas von "Schmeckt wie Süden...so saftig", um dann plötzlich umzuschwenken und mit "Stein um Stein" von Rammstein seinen ganzen Hass gegenüber seinem Gegenüber kund zu tun. Heftig! Türke geht und während man dem Deutschen gratuliert, verbarrikadiert man vorsichtshalber alle Türen, um den ungebetenen Gast abwehren zu können.

5. Versuch: Doch der hat schon längst einen Weg durch die Fenster gefunden. Mit einem Seil und deutschem Liedgut, genauer Mozart's Entführung aus dem Serail, versucht er es noch einmal, die Klassikfreunde zu begeistern. Die Parlamentarier kommentieren das mit ihrem Bild über die Türkei: Sie ziehen sich Kopftücher auf und binden sich Sprengstoff um den Bauch. Türke geht beschämt.

6. Versuch: Mit dem Koran bewaffnet kommt Türke wieder, um seine Gegner zu bekehren, streut dabei Rosenblätter und legt seine Hand auf. Das ruft die christliche Italienerin auf den Plan, die einen Koffer auspackt, in dem sich ein Kreuz befindet, das wie ein Maschinengewehr zusammengesteckt und dem Türken vors Gesicht gehalten wird. Mit "Reach out" von Depeche Mode hat es den Anschein, als wollten sie ihm das Böse austreiben. Schließlich wird er in seinen Teppich eingerollt, und man rückt ihm mit einer brennenden Fackel näher. Doch bevor es dazu kommt, dass ihm etwas geschieht, öffnen sich die beiden Tore und Amerika erscheint heroisch zu seiner Rettung. Mit "Walk on through the wind" macht sie dem Türken Mut und fordert ihn auf, mit Hoffnung im Herzen weiter zu kämpfen.
Und dann schwenzelt alles um die Vertreterin Amerikas herum, um mit "I like to be in America" um die Gunst der Amerikaner zu buhlen. Auch Türke fühlt sich gestärkt, selbst wenn man ihn weiter mit "better you get rid of your accent" stichelt. Freudestrahlend schwenkt er die amerikanische Flagge, die versehentlich an die Fackel gerät und somit Feuer fängt. Da versteht Amerika aber keinen Spaß mehr. Resolut öffnet Amerika, natürlich mit einem eigenen Schlüssel, eine Türe, und zum Vorschein kommt eine überdimensionale Panzerfaust. Mit dieser Waffe verfolgt die Amerikanerin den Bösewicht und trifft mehrfach, natürlich hinter den Kulissen, mit großem Getöse, während die anderen Mozart's "Alla Turca" lauschen. Türke bricht zusammen und Amerika kommentiert dies mit "No one knows what it's like to be the bad man" (Behind blue eyes).

7. Versuch: Mit letzter Kraft steht Türke wieder auf und singt "Blue Suede shoes". Amerika scheint beeindruckt zu sein und bietet ihm zur Versöhnung ein Chewing Gum an. Er nimmt es und spuckt ihr anschließend ins Gesicht. Doch mit "We are the world" ist es "time to lend a hand" und Zeit dafür "to make a better world". Und so kommt es nicht zum Eklat. Man reicht sich die Hände und alles ist wieder gut.

Und nun? Findet die Türkei ihren Platz im Europaparlament? JA! Mit Wischmop und Eimer bestückt, wird Türke von Deutschland eingewiesen, wo er putzen soll...

Meine Meinung zum Stück:
Absolut identisch mit seinem Erstlingswerk "Erdbeerfelder für immer" ist die Tatsache, dass es keinen gesprochenen Text gibt bzw. man diesen wahrscheinlich auf einen Bierdeckel locker unterbringen kann. Ganz klar, der Schwerpunkt ist die Musik und natürlich das Spiel mit den Figuren/Nationalitäten, dem Thema und den vielen Klischees, die in diesem Stück untergebracht sind. Natürlich steht im Mittelpunkt die ernste politische Frage, über den Beitritt der Türkei in die Europäischen Gemeinschaft sowie die Ängste und Vorurteile gegenüber anderen Kulturen und Religionen. Aber wirklich ernst nehmen darf man die Auseinandersetzung mit diesen Themen, zumindest in dieser Aufführung, nicht. Auch, wenn hinter manch überzogenener Darstellung ein wahrer und ernst zu nehmender Kern steckt. Eine Antwort auf die heikle Frage über den türkischen EU-Beitritt gibt Erik Gedeon jedenfalls nicht. Er kommentiert nur mit seinem bissigen Humor und lässt Geschichte und aktuelle Geschehnisse äußerst lustig inszeniert dahin gleiten. Der Anfang des Stückes zieht sich ein wenig bis der Auftritt des Hauptdarstellers Andreas Grötzinger als Türke Ayhan Onur erfolgt. Er spielt sich nicht nur mit viel Charme in die Herzen der Zuschauer, er verleiht dem Stück auch das nötige Tempo. Er spielt den Muslimen äußerst überzeugend. Selbst im Gesang merkt man ihm nicht an, dass er in Wirklichkeit deutscher Staatsbürger ist. Anja Herden in der Rolle der spanischen Encarnación Garriga ist teuflisch temperamentvoll und hat eine tolle Soul-Stimme. Anja Lais als französische Danielle Hortefeux ist richtig böse, und das von Anfang bis Ende. Dirk Lange als Jan Baltas und Vertreter aller restlichen kleinen EU-Mitglieder spielt ebenso überzeugend vielfältig wie Tom Jacobs als Engländer, Sandra Maria Schöner als amerikanische Joanne B. Goode und Jördis Triebel als italienische Amalia di Lello, die so schön das Kreuz hochwürgen kann. Auch positiv zu erwähnen sind die polnischen Abgeordneten am Klavier, Henning Brand als Lolek, und an der Violine, Radek Stawarz als Bolek, die zwischendurch immer wieder nach einer Spende fragen, bei den Parlamentariern aber auf taube Ohren stoßen: "Spende....Bitte!"

Fazit:
Mit zwei Stunden ohne Pause ist "Europa für Anfänger" eine trotzdem kurzweilige und gelungene Mischung aus Komödie und Liederabend mit politischem Hintergrund. Und eine Erkenntnis nahmen wir sicherlich alle mit: Wie sympathisch doch die Türken sein können! Ein Abend für die Völkerverständigung.

 

Schauspielerische Leistung
Bühnenbild
Gesang/Musik
Humor
Tempo

 

 

 

 

 

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