Ein
wenig Vorlauf, mit bereits fünf Aufführungen, hatte das Ensemble,
bevor wir uns das Stück in Frechen anschauen konnten. Ein erster
Blick in den vollen Zuschauerraum ließ erahnen, dass sich diese
Inszenierung wohl herumgesprochen haben muss. Gut gelaunt und mit stimmungsvoller
Musik von Edith Piaf im Hintergrund wartete man auf den Startschuss
der Komödie "Ein
besserer Herr" von Walter Hasenclever, die im Jahre 1927 in Frankfurt
uraufgeführt
wurde.
Die Geschichte
"Die Hochzeit ist eine Firmengründung, die Ehe eine Firma
und das ganze Leben ein Kontobuch" ist das Lebensmotto des reichen
Fabrikanten Compass. Und so beschließt er, dass seine Tochter
Lia heiraten soll, überlässt
ihr dabei
aber die Wahl des Gatten, denn "Geschmack
ist Privatsache". Während die Mutter dagegen ist, stimmt
Lia ein und verfasst gemeinsam mit ihrem Bruder Harry eine Zeitungsannonce: "Junges
Mädchen aus guter Familie, reich und unabhängig, sucht Mann
zwecks Heirat - einen Mann in den besten Jahren". Und schon nimmt
das Verhängnis
seinen Lauf. Denn auf die Anzeige meldet sich, unter einer großen
Zahl anderer Kanditaten, ausgerechnet der Heiratsschwindler Möbius,
ein nicht mehr ganz junger "besserer Herr", der einsame
Damen in brieflicher und persönlicher Form beglückt.
In
seiner Firma archiviert er bereits 10.000 Liebesbriefe, in denen er
die versteckten Sehnsüchte
einsamer, betuchter Damen befriedigt, gegen Geld, versteht
sich. Ein lukratives Geschäft, so lukrativ, dass er sich sogar
einen Büroleiter leisten kann - Rasper, ein untergetauchter betrügerischer
Finanzbeamter. Ihm hatte Möbius einmal offenbart, dass er die
Heiratsschwindlerkarriere aufgibt, sobald er sich wirklich verlieben
würde. Das erste Treffen
mit der attraktiven 19jährigen Lia bringt dann die Kehrtwende
in Möbius'
Leben. Er verliebt sich unsterblich in das junge Mädchen und
obwohl er versucht, seine Gefühle zu beherrschen, kommt es auf
der Parkbank zum ersten Kuss. Dabei haben die beiden aber nicht mit
dem Detektiv, von Schmettau, gerechnet.
Der pensionierte Hauptkommissar,
eine zwielichtige Gestalt, wurde von Lia's Mutter beauftragt, den Mann
zu observieren, der auf die Heiratsanzeige antwortet. Und natürlich
findet von Schmettau heraus, dass Möbius Dreck am Stecken hat.
Da sich aber auch Lia in Möbius verliebt, wird die Sache nun kompliziert.
Sie will Möbius unbedingt
näher kennenlernen und besucht ihn in seinem Büro. Dort erfährt
sie die ganze Wahrheit über Möbius' Machenschaften. Mutter
Maria, Bruder Harry und Privatermittler von Schmettau stürmen
das Büro, um Schlimmeres
zu verhindern.
Zu
spät. Die Liebe der beiden ist stärker
als sachliche Moralvorstellungen. Bruder Harry nutzt die Gelegenheit
der gefühlvollen
Stunde und offenbart der Mutter seine Gefühle zur Zofe. Das ist
dann doch des Guten zu viel und Vater Compass wird verständigt.
Der ist verärgert über das Geschehen und zitiert Möbius
zu sich. In einer Geschäftsbesprechung
soll das Problem der ungewünschten Liaison mit allen Mitteln gelöst
werden.
Doch mit viel Verhandlungsgeschick
versteht es Möbius,
Compass zu überzeugen. Der will in die Liebschaft einwilligen,
wenn es Möbius
gelingt,
innerhalb von 24 Stunden sämtliche "Bräute" loszuwerden.
Meine Meinung zum Stück
Obwohl dieses Stück schon etwas in die Jahre gekommen ist, scheint es
doch aktueller denn je zu sein. Denn die damalige Kritik an der Gesellschaft
zur Zeit des Hochkapitalismus, an dem sachlichen Lebensstil, an der
hektischen Betriebsamkeit, an der Skrupellosigkeit und Gefühlsarmut
scheint auch heute noch mehr als berechtigt.
Uli Lussem hat das Stück
geschickt in die heutige Zeit verwandelt. Sprache und moderne Kommunikationsmittel
wie Computer und Handy machen das Stück äußerst zeitnah.
Die Schauspieler sind gut ausgewählt. Michael Krause spielt
den geschäftstüchtigen
Unternehmer Louis Compass. Durch seine sachliche Art und den gefühlskalten
Ausdruck verleiht er der Rolle einen glaubhaften Charakter.
Auch Monika
Frantzen als
seine Frau gibt eine herrlich besorgte und altmodische Mutter (mit
einem kleinen rheinischen "sch"). Philipp
Polzin als
Sohn Harry macht einen lockeren, frischen Eindruck und spielt seine Rolle
souverän und natürlich. Ebenso Tina Wollenhaupt in
der Rolle der Unternehmerstocher Lia Compass. Sie überzeugt als 19jähriges
Mädchen: naiv in der Liebe aber tüchtig in Geschäftsdingen. Heinz
Horst
beeindruckte sehr in seiner Rolle als hinterlistiger Heiratsschwindler.
Seine Blicke, gepaart mit bösen Sprüchen, setzten immer
wieder einen drauf auf die zahlreichen Pointen: Auf Lia's Frage,
ob die Frauen wirklich so dumm seien, schaute Heinz Horst provokant
ins Publikum und antwortete "Haben sie eine Ahnung!", was
schallendes Gelächter
mit sich zog. Schön auch die Szene, wo es an der Türe klingelte
und eine seiner Bräute, Frau Schnütchen, meinte "Es
war die Zeitung"
und er beiläufig spöttete "Nicht die Lerche?" -
Gehässig! Frau Schnütchen
wurde von Dagmar
Terheggen gespielt,
und wieder einmal zeigte sich ihre Bühnenerfahrung in einer glänzenden
Rolle. Man hätte sie gerne noch mehr als in dieser kurzen Szene gesehen.
Ihre Art, das dumme Muttchen zu spielen, brachte einige Lacher. Mehr
Dagmar Terheggen, bitte! Auch Susanne Holz gehört
zu den alten Hasen der Harlekiner, und auch sie gab eine authentische
verliebte Zofe. Hans Huppertz als Büroleiter
Rasper, Horst Pietrek als Privatermittler von Schmettau
sowie Wolfgang Krüger als strenger
Sekretär von Compass und in Zweitrolle als steifer Polizist
machten ihre Sache richtig gut. Zu erwähnen
sind dann noch die Bräute des besseren Herrn, die via Videokonferenz
auf eine Leinwand gebeamt wurden: Barbara Fodor, Sylvia Lange,
Irene Lemke, Andrea Reiße, Johanna Seeländer, Barbara
Schwend, Yvonne Wegener, Claudia Werner und Marion Wernitsch,
die ebenso für
einige Lacher sorgten.
Das
Bühnenbild ist ein
kleiner Knackpunkt in dieser Inszenierung. Aufgrund der zahlreichen
verschiedenen Spielorte musste entsprechend oft umgebaut werden, insbesondere
im ersten Teil vor der Pause. Obwohl viele eingespielte Hände
die Kulissen und Möbel
in zügigem
Tempo hin und her schoben, dauerte es dann doch immer ein paar Minuten,
bis das Bild stand. Raffiniert war eine Säule im Zentrum der Bühne,
die einfach nur gedreht wurde und einen Kamin, eine Kommode mit Schubladen
oder einen Aktenschrank preis
gab.
Die dabei eingespielte Musik
(Titelmelodie von Miss Marple) sorgte zwar für gute Stimmung, aber da es immer
die selbe war, wurde man über
das Warten mit zunehmenden Zwangspausen etwas müde. Doch wenn
das Bild stand, war es immer wieder ein schöner Anblick.
Fazit
Eine modernisierte Komödie mit viel Wortwitz, deftigen Pointen und
Schauspielern, die ihr Handwerk verstehen. "Wir sind reif für
die Komödie" war das Motto von Walter Hasenclever in den zwanziger
Jahren, denn die Komödie war sein Mittel, den modernen Lebensstil zu parodieren:
das Zuwenden der Menschen auf Wirtschaftlichkeit und Erfolg, das sich in
dem Begriff
"Neue Sachlichkeit" schon damals formierte. Und das Ensemble
hat es passend umgesetzt!
| Schauspielerische Leistung |
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| Bühnenbild |
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| Humor |
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Weitere
Aufführungen:
23./29./30. April
06
06./20./21./25./27./28. Mai
06
Infos: www.harlekin-theater.de
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