Mambo Italiano
eine Komödie von Steve Galluccio
Regie: Thomas Hardow
Aufführungsort: Harlekin-Theater, Frechen


Ein Bericht von Ingo Brückner

Niemand ist so schwul wie mein Sohn!
Die Gedanken, die ich auf dem Weg zum Harlekin-Theater hatte, kreisten um die Fragen, ob ein Stück über Homosexualität beim Publikum ankommt, und ob eine Komödie mit diesem Thema die Sache an sich nicht ins Lächerliche zieht. Läuft man da nicht Gefahr, Homosexuelle, die es schon schwer genug in unserer Gesellschaft haben, als Witzfiguren darzustellen? Das Vorwort von Regisseur Thomas Hardow bestärkt ein wenig mein Denken. Mambo Italiano ist eine deutsche Erstaufführung. Obwohl es im Jahre 2000 in Kanada veröffentlicht und 2003 mit großem Erfolg verfilmt wurde, wagte sich offenbar bisher niemand, dieses Stück auf eine deutsche Bühne zu bringen. Warum wohl?

Der Saal füllt sich langsam, und ich bemerke, dass das Publikum im Durchschnitt um einige Jahre älter ist als ich. Nun bin ich doppelt gespannt auf das Stück und auf die Reaktionen der ältern Herren und Damen hinter mir. Erwartungsvoll schaue ich auf das Bühnenbild, das optisch sehr klar strukturiert und angenehm anzuschauen ist. Ein Tisch mit sechs Stühlen umgeben von vier dreieckigen Säulen, die einen Straßenzug, einen Friedhof, Möbel oder eine Kirche im Laufe des Stückes darstellen werden.

Die Geschichte
Wir befinden uns in Montreal. Genauer gesagt im italienischen Viertel. Hier lebt die traditionell veranlagte Familie Barbieri. Doch der Haussegen hängt schief, denn Sohn Angelo ist frühzeitig ausgezogen. Eine Todsünde für die Barbieris, denn Angelo ist nicht einmal verheiratet. Doch die Katastrophe kommt erst noch. Angelo ist schwul, und er hat es seinen Eltern noch nicht gebeichtet. Seine Schwester Anna hat eine klare Meinung dazu: Es würde sie umbringen! Dennoch outet sich Angelo, und von da an brennt Italien im fernen Kanada.
Es folgt, wie es in italienischen Kreisen nun mal Sitte ist, eine lautstarke Diskussion über Angelo's Neigung. Wer ist schuld, von wem hat er es? Vielleicht von Papa Gino? "Von irgendwem muss er es ja haben" schreit seine Mama. Letztendlich beruhigt man sich dann erst einmal mit der Vermutung, dass es nur so eine Phase oder vielleicht eine Krankheit sein muss. Auch Angelo's Freund Nino ist nicht gerade erfreut über das Outing. Seine größte Angst ist nun, dass seine Mutter Gina davon erfahren könnte, denn auch er hat sich ihr noch nicht offenbart.

Es kommt, wie es kommen muss: Familie Barbieri sucht das Gespräch mit Nino's Mutter Gina. Man druckst herum, flüchtet in Höflichkeitsfloskeln, bis Papa Gino mit der Sprache herausrückt, dass Nino ein "Homosexuale" ist. Das bringt Gina, die temperamentvolle Sizilianerin, erst recht auf die Palme: "Mein Sohn besteigt Ihren Angelo?" worauf Vater Gino klarstellt, dass Angelo Nino besteigt, und nicht umgekehrt.

 

Gina ringt um Fassung und stattet ihrem Sohn einen Besuch ab. Die ersten Ohrfeigen knallen lautstark,
und Nino wird aufgefordert, die Sachen zu packen.

Als dann noch Angelo auftritt ist sie außer sich vor Wut.

 

 

Nino wird von da an immer mehr von Selbstzweifeln verfolgt. In einer Bar trifft er auf eine alte Bekannte, Pina Lunetti, eine alleinstehende Unternehmerstochter, die sich sogleich in Nino verliebt.

Nach anfänglichem Zögern lässt sich Nino mit ihr ein.

 

 

Die Eltern schmieden inzwischen einen Plan, wie sie ihre Kinder wieder auf die richtige Spur bringen können und organisieren ein Familientreffen. Dabei soll Nino mit Angelo's Schwester Anna verkuppelt werden und Angelo mit einer anderen Frau. Diese Frau ist aber niemand anderes als Pina Lunetti, die der Familie auch gleich offenbart, dass sie mit Nino Sex im Auto hatte. Eine peinliche Situation für alle Beteiligten. Das wird Nino zu viel und er erklärt Angelo, dass die Beziehung aus ist.

Nino's Mutter gibt kurz darauf bekannt, dass er und Pina Lunetti heiraten werden. Die Familienehre ist bei beiden Familien wieder hergestellt und Papa Gino ist noch stolzer als vorher auf seinen geliebten Sohn: "Niemand ist schwuler als mein Sohn!", Nino ist (angeblich) nicht mehr schwul und Angelo findet sein Selbstwertgefühl auf dem Christopher Street Day wieder.

 

Meine Meinung zum Stück
Meine anfängliche Skepsis hatte sich schnell gelegt, denn nicht das Schwulsein ist Thema dieser kurzweiligen Komödie. Es sind die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Zweifel, Ängste und die Vorurteile, die plötzlich und unerwartet im Mittelpunkt stehen, wenn sich ein Familienmitglied als homosexuell geoutet hat. Hinzu kommt das Kleinbürgertum, das so gar nicht weiß, wie es mit der unerwarteten Situation klar kommen soll. Dass sich der Autor Steve Galluccio dabei einiger Klischees bedient, macht die Komödie echt witzig. Dass es Italiener sind, die hier dargestellt werden, gibt der Thematik auch noch eine besondere Würze. Ein feuriger Italiener soll schwul sein? Undenkbar.

Für Regisseur Thomas Hardow ist das Thema Schwulsein nichts ungewöhnliches. Er selbst bekennt sich dazu und weiß um die Probleme, die das Outing mit sich bringt. Vielleicht gelingt es ihm gerade deshalb, die Komödie so "lebensnah" zu inszenieren. Mit Fingerspitzengefühl führt er das Publikum in einen Bereich, mit dem viele nicht unbedingt etwas zu tun haben (wollen). Es verwundert nicht, dass bei den beiden Kuss-Szenen einige Zuschauer nervös werden. Einigen mag es peinlich sein und murmeln vor sich hin: "Du leeve Jott" oder sogar auch "Widerlich" dringt da bis zu mir durch. Ja, es ist ungewohnt und normalerweise schaut man ja auch eher weg, weil man damit nichts zu tun haben will. Aber in dieser Inszenierung kann man nicht weg schauen. Man braucht es auch nicht, denn Hardow versteht es, Szenen dieser Art dezent darzustellen. Sie gehören nun mal dazu, um die beiden Hauptfiguren verstehen zu können. Erfreut hat mich dabei Sebastian Dederichs in der Rolle des Angelo. Er gehört schon etwas länger zum Harlekin-Ensemble, und in dieser Inszenierung scheint er schauspielerisch gewachsen zu sein. Er spielt die Figur sehr glaubwürdig. Man nimmt ihm jede Regung, jede Verzweiflung ab. Er gestikuliert sehr natürlich, und ist auf der Bühne äußerst locker geworden. Auch Sebastian Winkelnkemper, sonst immer in einer mehr extrovertierten Rolle, hat als Nino bewiesen, dass er auch den ruhigeren, ernsthaften Part spielen kann. Dagmar Terheggen als temperamentvolle "Mama" war wieder einmal einzigartig. Mit ihrem roten Kleid, ihrer Mimik und ihrer kraftvollen Gestik unterstrich sie die Rolle einer feurigen Sizilianerin und sorgte für einige Lacher im Saal. Susanne Holz spielt in gewohnter Souveränität die frustrierte und tablettenabhängige Schwester Anna. Ihren italienischen Akzent hält sie aber nicht konsequent bis zum Ende durch. Das geht aber fast allen Darstellern so, und so richtig glaubhaft ist der Akzent auch nicht. Aber das ist auch nur ein Schönheitsfehler, der wahrscheinlich nur mir auffällt. Sabrina Jekel als Nebenbuhlerin Pina Lunetti und Uli Lussem in der Rolle des Familienchefs der Barbieris, der im übrigen sehr unter den Pantoffeln seiner Frau Maria steht, gespielt von Bruni Huppertz, runden das Bild dieses spielfreudigen Ensembles ab.

Toll war auch das Bühnenbild, das in wenigen Sekunden umgebaut werden konnte, was manchmal auch während des Spiels geschah. Ebenso die unterschiedlichen Lichteinstellungen, die von den Darstellern mittels Fingerschnips angewiesen wurden, machten daraus eine rasant schnelle Komödie, die sehr einer Sitcom
(Situation Comedy) ähnelte, was wohl auch beabsichtigt war. Nach der Pause ging es ein wenig schleppend weiter. Aber ansonsten hat mir die Aufführung sehr gut gefallen, und auch die anderen Zuschauer gingen mit einem Lächeln nach Hause.

Ich zitiere eine Zuschauerin: "Gut gespielt - so lebensnah!". Nach eigener Aussage wagte sich das Ensemble mit diesem Stück "weit vor". Ich finde das nicht. Die Komödie trägt eher zum besseren Verständnis für Menschen anderer Neigung bei.

Fazit
Eine Komödie, die die Ernsthaftigkeit des Themas Homosexualität trotz hohem Lachfaktor nicht aus dem Auge verliert. Sehenswert. Das schreibt die Presse

Humor
Tempo
Schauspielerische Leistung
Bühnenbild

Weitere Aufführungen:

07./08./14./15./21./22./29.
Oktober 06
04./05. November 06
Infos: www.harlekin-theater.de

oben