Niemand
ist so schwul wie mein Sohn!
Die
Gedanken, die ich auf dem Weg zum Harlekin-Theater hatte, kreisten
um die Fragen, ob ein Stück über Homosexualität beim
Publikum ankommt, und ob eine Komödie mit diesem Thema die Sache
an sich nicht ins Lächerliche
zieht. Läuft man da nicht Gefahr, Homosexuelle, die es schon schwer
genug in unserer Gesellschaft haben, als Witzfiguren darzustellen?
Das Vorwort von Regisseur Thomas Hardow bestärkt ein wenig mein
Denken. Mambo Italiano ist eine deutsche Erstaufführung. Obwohl
es im Jahre 2000 in Kanada veröffentlicht und 2003 mit großem
Erfolg verfilmt wurde, wagte sich offenbar bisher niemand, dieses Stück
auf eine deutsche Bühne zu bringen. Warum wohl?
Der Saal füllt sich langsam,
und ich bemerke, dass das Publikum im Durchschnitt um einige Jahre
älter ist als ich. Nun bin ich doppelt gespannt auf das Stück und auf
die Reaktionen der ältern Herren und Damen hinter mir. Erwartungsvoll
schaue ich auf das Bühnenbild, das optisch sehr klar strukturiert und
angenehm anzuschauen ist. Ein Tisch mit sechs Stühlen
umgeben von vier dreieckigen Säulen, die einen Straßenzug, einen Friedhof,
Möbel oder eine Kirche im Laufe des Stückes darstellen werden.
Die Geschichte
Wir
befinden uns in Montreal. Genauer gesagt im italienischen Viertel.
Hier lebt die traditionell veranlagte Familie Barbieri. Doch der Haussegen
hängt schief, denn Sohn Angelo ist frühzeitig
ausgezogen. Eine Todsünde für die Barbieris, denn Angelo
ist nicht einmal verheiratet. Doch die Katastrophe kommt erst noch.
Angelo ist schwul, und er hat es seinen Eltern noch nicht gebeichtet.
Seine Schwester Anna hat eine klare Meinung dazu: Es würde sie umbringen!
Dennoch outet sich Angelo, und von da an brennt Italien im fernen
Kanada.
Es folgt, wie
es in italienischen Kreisen nun mal Sitte ist, eine lautstarke Diskussion über
Angelo's Neigung. Wer ist schuld, von wem hat er es? Vielleicht von
Papa Gino? "Von irgendwem
muss er es ja haben" schreit seine Mama. Letztendlich beruhigt
man sich dann erst einmal mit der Vermutung, dass es nur so eine
Phase oder vielleicht eine Krankheit sein muss. Auch Angelo's Freund
Nino ist nicht gerade erfreut über
das Outing. Seine größte Angst ist nun, dass seine Mutter
Gina davon erfahren könnte, denn auch er hat sich ihr noch nicht
offenbart.
Es kommt, wie es kommen muss:
Familie Barbieri sucht das Gespräch mit Nino's Mutter Gina. Man druckst
herum, flüchtet in Höflichkeitsfloskeln, bis Papa Gino mit der Sprache
herausrückt, dass Nino ein "Homosexuale" ist. Das bringt Gina, die
temperamentvolle Sizilianerin, erst recht auf die Palme: "Mein Sohn
besteigt Ihren Angelo?" worauf Vater Gino klarstellt, dass Angelo Nino
besteigt, und nicht umgekehrt.
Gina
ringt um Fassung und stattet ihrem Sohn einen Besuch ab. Die ersten
Ohrfeigen knallen lautstark,
und Nino wird aufgefordert, die Sachen
zu packen.
Als dann noch Angelo auftritt
ist sie außer sich vor
Wut.
Nino
wird von da an immer mehr von Selbstzweifeln verfolgt. In einer Bar
trifft er auf eine alte Bekannte, Pina Lunetti, eine alleinstehende
Unternehmerstochter, die sich sogleich in Nino verliebt.
Nach anfänglichem
Zögern lässt
sich Nino mit ihr ein.
Die Eltern schmieden inzwischen
einen Plan, wie sie ihre Kinder wieder auf die richtige Spur bringen
können und organisieren ein Familientreffen. Dabei soll Nino mit Angelo's
Schwester Anna verkuppelt werden und Angelo mit einer anderen Frau.
Diese Frau ist aber niemand anderes als Pina Lunetti, die der Familie
auch gleich offenbart, dass sie mit Nino Sex im Auto hatte. Eine peinliche
Situation für alle Beteiligten. Das wird Nino zu viel und er erklärt
Angelo, dass die Beziehung aus ist.
Nino's
Mutter gibt kurz darauf bekannt, dass er und Pina Lunetti heiraten
werden. Die Familienehre ist bei beiden Familien wieder hergestellt
und Papa Gino ist noch stolzer als vorher auf seinen geliebten Sohn: "Niemand
ist schwuler als mein Sohn!", Nino ist (angeblich)
nicht mehr schwul und Angelo findet sein Selbstwertgefühl auf
dem Christopher Street Day wieder.
Meine Meinung zum
Stück
Meine anfängliche Skepsis hatte sich schnell gelegt, denn nicht
das Schwulsein ist Thema dieser kurzweiligen Komödie.
Es sind die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Zweifel, Ängste
und die Vorurteile, die plötzlich
und unerwartet im Mittelpunkt stehen, wenn sich ein Familienmitglied
als homosexuell geoutet hat. Hinzu kommt das Kleinbürgertum, das
so gar nicht weiß, wie es mit der unerwarteten Situation klar
kommen soll. Dass sich der Autor Steve Galluccio dabei einiger Klischees
bedient, macht die Komödie echt witzig. Dass es Italiener sind,
die hier dargestellt werden, gibt der Thematik auch noch eine besondere
Würze. Ein feuriger Italiener soll schwul sein? Undenkbar.
Für
Regisseur Thomas Hardow ist das Thema Schwulsein nichts
ungewöhnliches.
Er selbst bekennt sich dazu und weiß um die Probleme, die das
Outing mit sich bringt. Vielleicht gelingt es ihm gerade deshalb, die
Komödie
so "lebensnah" zu
inszenieren. Mit Fingerspitzengefühl führt er das Publikum
in einen Bereich, mit dem viele nicht unbedingt etwas zu tun haben
(wollen). Es verwundert nicht, dass bei den beiden Kuss-Szenen einige
Zuschauer nervös werden. Einigen mag
es peinlich sein und murmeln vor sich hin: "Du leeve Jott" oder
sogar auch "Widerlich"
dringt da bis zu mir durch. Ja, es ist ungewohnt und normalerweise
schaut man
ja auch eher weg, weil man damit nichts zu tun haben will. Aber in
dieser Inszenierung kann man nicht weg schauen. Man braucht es auch
nicht, denn Hardow versteht es, Szenen dieser Art dezent darzustellen.
Sie gehören
nun mal dazu, um die beiden Hauptfiguren verstehen zu können.
Erfreut hat mich dabei Sebastian
Dederichs in der Rolle des Angelo. Er gehört schon etwas
länger zum Harlekin-Ensemble, und in dieser Inszenierung scheint
er schauspielerisch gewachsen zu sein. Er spielt die Figur sehr glaubwürdig.
Man nimmt ihm jede Regung, jede Verzweiflung ab. Er gestikuliert sehr
natürlich, und ist auf der Bühne äußerst locker
geworden. Auch Sebastian
Winkelnkemper, sonst immer in einer mehr extrovertierten Rolle,
hat als Nino bewiesen, dass er auch den ruhigeren, ernsthaften Part
spielen kann. Dagmar Terheggen als temperamentvolle
"Mama" war wieder einmal einzigartig. Mit ihrem roten Kleid,
ihrer Mimik und ihrer kraftvollen Gestik unterstrich sie die
Rolle einer feurigen Sizilianerin und sorgte für einige Lacher
im Saal. Susanne
Holz spielt in gewohnter Souveränität
die frustrierte und tablettenabhängige Schwester Anna. Ihren italienischen
Akzent hält sie aber nicht konsequent bis zum Ende durch. Das
geht aber fast allen Darstellern so, und so richtig glaubhaft ist der
Akzent auch nicht. Aber das ist auch nur ein Schönheitsfehler,
der wahrscheinlich nur mir auffällt. Sabrina
Jekel als
Nebenbuhlerin Pina Lunetti und Uli Lussem in der Rolle
des Familienchefs der Barbieris, der im übrigen sehr unter
den Pantoffeln seiner Frau Maria steht, gespielt von Bruni
Huppertz,
runden das Bild dieses spielfreudigen Ensembles ab.
Toll
war auch das Bühnenbild, das in wenigen Sekunden umgebaut werden
konnte, was manchmal auch während des Spiels geschah. Ebenso die
unterschiedlichen Lichteinstellungen, die von den Darstellern mittels
Fingerschnips angewiesen wurden, machten daraus eine rasant schnelle
Komödie, die sehr einer
Sitcom
(Situation Comedy) ähnelte, was
wohl auch beabsichtigt war. Nach der Pause ging es ein wenig schleppend
weiter. Aber ansonsten hat mir die Aufführung sehr gut gefallen,
und auch die anderen Zuschauer gingen mit einem Lächeln nach Hause.
Ich zitiere eine Zuschauerin: "Gut
gespielt - so lebensnah!". Nach eigener Aussage
wagte sich das Ensemble mit diesem Stück "weit
vor". Ich finde das nicht. Die Komödie trägt eher zum besseren Verständnis
für Menschen anderer Neigung bei.
Fazit
Eine
Komödie, die die Ernsthaftigkeit des Themas Homosexualität trotz hohem
Lachfaktor nicht aus dem Auge verliert. Sehenswert. Das schreibt die Presse
| Humor |
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| Tempo |
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| Schauspielerische Leistung |
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Weitere
Aufführungen:
07./08./14./15./21./22./29.
Oktober
06
04./05. November
06
Infos: www.harlekin-theater.de
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