Was ist schon normal?
Ein Theaterstück von und mit Bühne Aktiv
von Christiane Bender
Regie: Christiane Bender

Ein Bericht von Ingo Brückner

"Aber bitte seid nicht so streng, wir sind keine Profis!" ist eine Bitte, die wir oft vor einer Première hören, und deshalb sei hier noch einmal festgehalten: Es geht uns nicht darum, Theaterstücke zu zerlegen, sie zu analysieren und einer harten Kritik auszusetzen. Wir berichten über Stücke, welche Stimmungen sie erzeugen, wie sie beim Publikum ankommen und empfehlen sie, wenn sie gut sind.
Unter der Überschrift "Theater von und für ältere Erwachsene" schreibt und inszeniert Christiane Bender seit nunmehr fünf Jahren für "ältere" Damen und Herren und setzt sich dabei mit dem Älterwerden auseinander. Auch das Verhältnis zwischen Jung und Alt ist dabei ein Thema.

Mit diesem Wissen machen wir uns auf den Weg in das Pfarrzentrum St. Kilian in Erftstadt-Lechenich und nehmen uns vor, nicht zu streng zu sein, denn ältere Menschen sind vielleicht nicht ganz so souverän auf der Bühne wie jüngere. Am Eingang begegnet uns Regisseurin Christiane Bender, der die Nervosität anzumerken ist und die nochmals signalisiert, dass man unter schwersten Bedingungen proben musste und dass ihre Darstellerinnen schwer damit zu kämpfen hatten.

Nach einer Rede des Pastors über das Ensemble beginnt das Stück in einem gelben Bühnenbild, das einer Hippie-Bude gleicht: Ein Poster von Jimmy Hendrix an der Wand, Rosen als Wandschmuck, eine (lebendige) Freiheitsstatue, ein Korbsessel mit kleinen Sonnenblumen geschmückt und...ein Sarg! Also nicht gerade das, was man in einer "Alten-WG" erwartet.

Die Geschichte:
Wenn drei, etwas ältere schrille Vögel wie Marie Luise Kuschinski, Veronika Kupfernagel und Klara Klar in einer WG leben, kann das nicht immer ganz harmonisch abgehen! Dabei zählen die alltägliche gegenseitige Beobachtung und die kleinen, eifersüchtigen Streitereien mit anschließender Versöhnung schon längst zur lieb gewonnenen Gewohnheit. So hat Klara Klar ständig einen anderen, jüngeren Liebhaber, Veronika Kupfernagel einen Kräuter-Tick , und Marie-Luise Kuschinski liebt Rockmusik, Zigaretten und hat den unbändigen Drang, nach Amerika zu fliegen, um Hillary Clinton zur Präsidentin zu machen. Ohne es laut auszusprechen: eine andere Gemeinschaft wäre für das Trio unvorstellbar!
Schade nur, dass die pikierte Hausbesitzerin, Mathilde von Stein genau das völlig anders sieht. Sie findet ihre Mieterinnen unerträglich und vor allem überhaupt nicht normal! Deshalb droht sie mit der Kündigung!

Die drei Damen sind entsetzt und verzweifelt zugleich. Wie können sie Frau von Stein von der Kündigung abbringen? Ein Plan muss her: Höchste Zeit, die Hausbesitzerin davon zu überzeugen, dass bei ihnen alles ganz normal ist...nur, was ist schon normal?

 

 

Und so wird Clementine Rosenzweig auf den Plan gerufen. Eine gelernte Anstandsdame soll den Bewohnerinnen beibringen, wie sie die Hausbesitzerin geschickt und höflich davon überzeugen können, die ausgesprochene Kündigung zurück zu nehmen. Und so folgt, neben einer anderen Kleiderordnung und einem besseren Wohnstil, eine Lektion zu den Themen: Wie bewege ich mich richtig, wie spreche ich höflich - kurz, wie habe ich mich zu benehmen? Und so erhält jede Dame für sich Hausaufgaben, um das Gelernte zu vertiefen. Nur Marie Luise Kuschinsky hat Schwierigkeiten, sich den Gepflogenheiten entsprechend anzupassen. Mit großem Argwohn beobachtet sie misstrauisch den Unterricht, und des öfteren rutscht ihr ein zorniges "Bullshit" heraus. Sie bestärkt diesen Kraftausdruck mit äußerst bösen Blicken und unruhigem Herumlaufen, sehr zum Missfallen der anderen Damen.

Der Tag der Abrechnung kommt. Vermieterin Mathilde von Stein (die auch ein Herz aus Stein hat) betritt das Zimmer und ist vorerst beeindruckt von der Ordnung und dem freundlichen Empfang. Doch das lässt sie nicht von ihrem Plan abbringen, die Mieterinnen rauszuschmeißen. Die drei Damen reden mit Engelszungen, bieten ihr Tee und Kuchen an, um sie doch noch umzustimmen. Doch alles ohne Erfolg. Plötzlich sackt Frau von Stein im Stuhl zusammen. Veronika Kupfernagel hatte ihr nämlich etwas von ihrer selbstgemachten Kräutertinktur in den Tee geschüttet, was bewirken sollte, dass sie etwas gutmütiger werde. Dass das Mittelchen sie offenbar getötet hat, versetzt die Bewohnerinnen in Panik. Die Leiche muss verschwinden, und so steckt man sie kurzerhand in den Sarg, als es im gleichen Moment an der Türe klingelt. Anstandsdame Rosenzweig will sich informieren, ob sie die Vermieterin überzeugen konnten. Es kommt, wie es kommen musste: Aus dem Sarg ertönt ein Klopfen. Mit zielstrebigem Einsatz öffnet Rosenzweig den Deckel und von Stein, verkleidet mit den Hippie-Utensilien, die zuvor im Sarg verstaut waren, erhebt sich breit grinsend und fühlt sich offenbar wie auf Wolke sieben. Die drei Damen wittern ihre Chance. Die derbe Marie Luise Kuschinski entschuldigt sich für alle vergangenen Schandtaten und gelobt Besserung. Schnell tippt sie einen Vertrag, der den Mieterinnen das Wohnrecht auf Lebenszeit garantiert, und von Stein, immer noch berauscht vom Kräutertee und im Sarg gelagerten Joints von Frau Kuschinski, unterschreibt.
Glücklich über das erreichte Ziel packt Kuschinski ihre Koffer, um nun die Reise nach Amerika anzutreten. Anstandsdame Rosenzweig zieht dafür ein und Vermieterin von Stein sucht berauscht die Toilette in ihrem Haus. Ende gut, alles gut!

Meine Meinung zum Stück
Mit einem Vorurteil muss ich an dieser Stelle aufräumen: Von wegen, ältere Menschen sind nicht souverän auf der Bühne. Die Darsteller dieses Stückes haben ganz schön was drauf! Meine beiden Augen, die ich am Anfang zudrücken wollte, um bloß nicht zu streng zu urteilen, kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Schon nach den ersten Minuten des Spiels verflogen alle Vorurteile und mit immer breiter werdendem Grinsen verfolgte ich die wirklich witzige Darbietung. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit spazierten die Darstellerinnen über die Bühne, und man gewann nach kurzer Zeit den Eindruck, dass sie wirklich in einer Wohngemeinschaft leben, in die der Zuschauer jetzt einen Einblick erhält.
Das Stück ist ungewöhnlich, denn in einer WG stellt man sich Studenten vor, die sich aus Geldmangel vorübergehend eine Wohnung teilen müssen. Aber Senioren? Doch das macht die Geschichte von Christiane Bender so interessant, wirft sie doch im Vorfeld so viele Fragen auf. Insbesondere, wie läuft es in einer "Alten-WG" ab? Und man staune: Genau so wie in einer gewöhnlichen WG...sofern die Bewohner jung geblieben sind. Und das setzt voraus, dass die Darstellerinnen das meistern. Sie haben es mit Bravour gemeistert. Christel Goerg als derbe Marie Luise Kuschinski fegt mit einer ungeheuren Energie über die Bühne, schmeißt mit Kraftausdrücken um sich und beherrscht das dazugehörige Mimikspiel brillant. Dazu eine rauchige Stimme, die das Bild eines flippigen Hippies abrundet. Doris Schmid als Kräuterhexe Veronika Kupfernagel spielt ebenso perfekt eine naive und verklemmte Persönlichkeit und setzt dabei so herrlich die Mimik ein. Bärbel Steimel spielt die männerbesessene Klara Klar (wobei Männer
in dem Stück fehlen) und überzeugt dabei mit vollem Körpereinsatz.

Elisabeth Horn als Clementine Rosenzweig ist die Anstandsdame in Person. Adrett gekleidet und mit stolzer Brust lehrt sie die guten Umgangsformen. Ihre Rolle wirkt überzeugend echt, denn ihre Ausstrahlung macht auch so einen sehr höflichen Eindruck und füllt die Figur somit perfekt aus. Doris Wallenthal spielt die Hausbesitzerin Mathilde von Stein. Hierbei zeigt sie gekonnt zwei Facetten dieser Rolle: Zuerst pikiert und streng und zum Schluss angeheitert und verdreht. Und das macht sie sehr überzeugend. Einen Wiedererkennungswert hat sicherlich auch ihr rheinländisches "sch". Und zuletzt wäre da noch die Statue, Hanni Hölscher, positiv zu erwähnen, die zwar keinen Text spricht, aber dafür unheimlich lange in mehreren Positionen still stehen oder sitzen muss. Das hat so manchen Zuschauer erstaunt, wie man im ausliegenden Gästebuch nachlesen konnte: Hochachtung!

Fazit:
Dieses Stück zeigt uns jungen Leuten, wie jung man doch im Alter sein und mit wieviel Lebensfreude man noch Theater spielen kann. Ein tolles Ensemble mit absolut authentisch gespielten Figuren, eine filmreife Geschichte von einer erfahrenen Regisseurin und Schreiberin mit viel Fingerspitzengefühl. Und zurecht tritt dieses Stück am
19. Mai 2006 beim Brühler Theaterfestival gegen erfahrene Amateurgruppen an, denn Anfänger sehen anders aus. Diese Frauen bringen einiges mit, was junge Leute gar nicht haben können: Lebenserfahrung! Und die brauchen die Darstellerinnen, denn das macht die Rollen in dieser Inszenierung so echt.

Und so möchte ich der Schreiberin ein wenig widersprechen: Das Stück ist nicht nur für ältere Erwachsene ein Hingucker!

Große Leistung!

Schauspielerische Leistung
Humor
Bühnenbild
Tempo

 

 

 

 

Weitere Aufführungen:
05./11./12. März 2006
19. Mai 2006 (Theaterfestival)

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