Yvonne, die Burgunderprinzessin
Eine Komödie von Witold Gombrowicz
Regie: Christos Nicopoulos
Spielort: Klosterspieler von Brauweiler, Pulheim


Ein Bericht von Ingo Brückner

Viele Gäste sind gekommen und waren gespannt auf die vorverlegte Première des Pulheimer Ensembles im Rahmen des Theaterfestivals in Brühl.

Das karge Bühnenbild lässt sich mit einem Wort beschreiben: Sitzbank! Eines ist klar: Wenn das alles an Bühnenbild ist, müssen die Darsteller viel leisten, um Atmosphäre auf der schwarz umhüllten Bühne zu schaffen.

 

Zum Inhalt:
Prinz Philipp, ein verwöhnter Thronfolger eines fiktiven Königreichs Burgund im heiratsfähigen Alter ist der immer gleichen Lustbarkeiten mit den hingabefreudigen Hofdamen überdrüssig. Er begegnet Yvonne, deren Andersartigkeit und Hässlichkeit ihn reizt und herausfordert. Nachdem sich einige an Yvonne belustigt haben, will "der Prinz" mit ihr einen richtigen Spaß treiben: Er beschließt, die hässliche Bürgerliche zu heiraten. Sie ist dumpf, verschlossen, apathisch schüchtern, plump, linkisch. Niemand kann sie ändern oder gar erziehen, sie spielt nicht mit beim gezierten Zeremoniell und gelauntem Getue des Hofstaates - Symbol für eine erstarrte Gesellschaftsform. Um einen Skandal zu vermeiden, willigt König Ignaz und Königin Margarethe in die Heirat ein.

Und so geschieht es, dass Yvonne sich in den Prinzen verliebt. Von dieser Liebe überrascht, fühlt sich der Prinz verpflichtet, darauf als Mensch und als Mann zu reagieren und wünscht dabei, er könne sie auch lieben.

Die Verlobung des Prinzen löst Spott und Klatsch im Hofe aus. Yvonne's Schweigen und ihre Passivität bringen die Königsfamilie in eine schwierige Lage. Yvonne's natürliche Unzulänglichkeiten entfesseln zudem gefährliche Ideen:

Sie wird zur permanenten Provokation für ihre glamouröse, schicke, gekünstelte Umwelt. Allein ihre bloße Anwesenheit wird wegen ihrer Schweigsamkeit zur unerträglichen Bedrohung für alle und so bringt sie das System ins Wanken. Jeder entdeckt in ihr die eigenen Defizite und Schwächen, die sonst sorgsam hinter einer Maske von Etikette und Konvention versteckt sind... Eine Epidemie ungesunden Lachens sucht den Hof heim. Der König entsinnt sich seiner alten Sünden und die heimlich wie besessen schreibende Königin kann nicht mehr verbergen, wie entsetzt sie über ihre Gedichte ist, die, so entdeckt sie, Yvonne gleichen.



Absurde Verdächtigungen kommen auf. Die Dummheit und der Unsinn greifen um sich. Jeder spürt es, auch der Prinz, doch weiß er nicht, was er tun soll. Er fühlt sich selbst hinsichtlich Yvonne's absurd. Wie könnte er sich da noch verteidigen? Er meint, einen wirksamen Gegenschlag zu tun, umarmt öffentlich eine Hofdame und verlobt sich mit ihr, nachdem der mit Yvonne gebrochen hat. Doch ein wirksamer Bruch ist nicht möglich, denn er weiß, dass Yvonne immer an ihn denken und sich auf ihre Weise das Glück des jungen Paares vorstellen wird worauf Prinz Philipp beschließt, Yvonne zu töten.

 

Auch der König, die Kammerdienerin und die Königin wollen ihr an den Kragen. Doch sie direkt zu töten übersteigt ihre Kräfte: der Akt erscheint zu dumm, zu absurd, kein formeller Grund rechtfertigt das, und die Konventionen sprechen dagegen.
Die Bestialität, die Wildheit, die Dummheit und der Unsinn wachsen unaufhörlich im Hofe. Auf den Rat der Kammerdienerin beschließen sie, den Mord zu organisieren und zugleich den Anschein der Majestät, der Eleganz, der Überlegenheit zu wahren. Es wird ein Mord von oben sein und nicht von unten. Das Unternehmen gelingt. Die Königsfamilie kommt wieder zur Ruhe.

 

Meinungen zum Stück:
Das Ensemble erntete lang anhaltenden Applaus für diese „tierisch komische Inszenierung“. Tierisch deswegen, weil die Hauptdarsteller in ihren Rollen immer wieder Bewegungen und Laute von Tieren auf der Bühne imitierten. So spielte Martin Wilmers den König Ignaz mit kräftiger Stimme und wildem Haar, fauchte dabei unentwegt bedrohlich wie ein Löwe, um sich Respekt zu verschaffen. Ursula Davanture als Königin wackelte wie eine Ente und beendete manchen Satz mit einem leisen aber bestimmenden „Quak!“ und Kammerherrin, Astrid Lenzen, untermalte ihren hinterlistigen Charakter als Schlange mit lechzender Zunge und zischendem „ssssss...“. Besonders Harald Kootz überzeugte in seiner Rolle des Prinzen Philipp, der wie ein Gockel über die Bühne stolzierte und den Kopf dabei hektisch bewegte oder die „Flügel“ nervös zuckte. Regisseur Christos Nicopoulos sagte, er wolle damit die Parallelen zur Tierwelt deutlich machen von der, so auch Autor W. Gombrowicz, „...wir Menschen uns nicht weit entfernt haben“. Gut dabei war, dass Nicopoulos nicht übertrieb und dieses „tierische“ Gehabe nur dezent aberr immer effektvoll einbrachte. Ganz anders war da die Rolle der Yvonne.

Birgit Osterholt-Kootz spielte die (fast) stumme Bürgerliche. Ihr waren die Eigenschaften des hässlichen Entleins dank eines hervorragenden Outfits förmlich auf den Laib geschneidert. Hässlich war sie zudem durch eine brillante Mimik mit einer unglaublich starken Ausstrahlung. Dennoch war es ihre Rolle, die eine heftige Diskussion beim Publikum nach der Aufführung auslöste, denn ihre Hässlichkeit wurde nicht nur durch Mimik, Kleidung und Frisur untermalt, sondern auch durch eine verkrampfte Körperhaltung und dem Eindruck, dass sie geistig und körperlich behindert zu sein scheint. Auf meine Frage, ob man damit nicht zu weit ginge, weil man Behinderte evtl. vor den Kopf stoßen könnte, entgegnete Christopoulos ruhig, dass er behinderte Menschen aus unserer Gesellschaft nicht ausschließen möchte und auch nicht glaubt, dass man Yvonne's Andersartigkeit allein auf die Behinderung reduzieren würde. Ich persönlich finde, es war des guten zu viel, denn ihre Andersartigkeit war eigentlich klar. Schon allein durch die Tatsache, dass sie kein Tier darstellte, hob sie sich deutlich von den anderen Figuren ab. Aber der Autor Witold Gombrowicz wollte ja schließlich provozieren. Die Themen „Macht und Unterwerfung“ und „Ausgrenzung und Gewalt gegenüber Andersartigen“ waren dabei im Fokus. Dieses wurde mit großem schauspielerischen Können und Liebe zu Details gut umgesetzt. Das karge Bühnenbild war auch schnell vergessen, denn meine Blicke wanderten ständig zwischen den Darstellern hin und her, die auch am Rande des Geschehens spielten und dabei faszinierten, ohne von der Handlung abzulenken.

So ließ sich z. B. Martin Zschoch als Cyrill immer wieder von den Hofdamen wie ein "Hund" über den Bauch kraulen und fühlte sich dabei offensichtlich tierisch wohl.

Die Kammerherrin, ganz Schlange, umzingelte ihr Opfer Yvonne, das vor Angst erstarrte, um dann schließlich von den Hofdamen und Würdenträger mit schrillem Gekicher weiter erniedrigt zu werden.

 

 

Fazit
Das Stück oder auch die Umsetzung mag nicht jedermanns Geschmack gewesen sein. Wahrscheinlich liegt es daran, dass man zuviel hinein interpretiert, was vom Ensemble gar nicht so ausgelegt wurde. Eines schafft es allemal: Spannung und Emotionen, und es ruft ins Gedächtnis, wie erschreckend aktuell das Thema auch heute noch ist, dass Menschen aufgrund ihrer Andersartigkeit diskriminiert und verfolgt werden, besonders dann, wenn sie sich gegen eine Überzahl nicht wehren kann.
Am Ende gab es zwar ein paar wenige verwirrte und auch erboste Premièren-Zuschauer aber die meisten waren doch hellauf begeistert. Summa Summarum: Tolle Darsteller und viele witzige Kleinigkeiten sorgten für eine Menge Lacher und einen kurzweiligen Abend.

Das schreibt die Presse

Schauspielerische Leistung
Tempo
Anspruch
Humor
Bühnenbild

Weitere Aufführungen:

26./27. Mai 06
03./04./10./11 Juni 06

Infos:
www.klosterspieler.de

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