Zwischenräume
Ein Stück in zwei Akten von Etienne de Wolf
Regie: Dennis Witton
Spielort: dell' arte Kerpen-Horrem

Ein Bericht von Ingo Brückner


Regisseur Dennis Witton hat sich für dieses außergewöhnliche Stück einen ebenso ungewöhnlichen Spielort ausgewählt: Ein ausgedientes Schwimmbad in Kerpen-Horrem. Wenn man den Raum von draußen betritt, steht man auch schon vor dem Becken, in dem sich das Bühnenbild befindet. Darin ein paar Sitzgelegenheiten, ein Bett, ein Notenständer und ein Podest, auf dem sich ein CD-Player befindet. Das gesamte Mobiliar ist rot, "weil Rot die Farbe des Lebens ist", so Dennis Witton. Und um das Leben geht es auch in dem Stück, bzw. um die Frage, ob es sich lohnt, weiter zu leben. Regisseur Witton eröffnet die Generalprobe mit den Worten "Viel Spaß", und mit tragender Musik beginnt das Stück.

Die Geschichte
Wir befinden uns an einem Ort, der nicht genau zu definieren ist, ein "unwirklicher" Ort. Einige Personen befinden sich bereits dort und scheinen auf etwas zu warten. Eine Frau entspannt sich mit einem Buch in einem Schaukelstuhl. Doch das Entspannen scheint ihr schwer zu fallen. Immer wieder legt sie das Buch ab und schaut sorgenvoll an die Decke. Nach und nach folgen weitere Personen, die
sich einen der freien Plätze im Raum aussuchen und dabei von den anwesenden neugierig beäugt werden.

Lange Minuten gibt es keinen Dialog außer mal einem kurzen "Hallo". Es wird wieder dunkler als sich eine weitere Person dem Ort nähert. Er weiß nicht, wo er sich befindet. "Du bist hier!" ruft eine Stimme als das Licht wieder schlagartig die Szene erleuchtet. Doch wo ist "hier"? Wir befinden uns in den Träumen von neun Personen, die mit dem Leben abschließen wollen. Diese selbsternannten potentiellen Suizid-Kanditaten haben mehr oder weniger schwere Schicksale durchlebt und flüchten sich im Schlaf an diesen Ort.

Da ist Christian (Erik Sieb), der jeden Tag 96 verschiedene Tabletten zu sich nimmt, weil er todkrank ist, Frederik (Jörg Saborowski), der sein ganzes Hab und Gut verlor und keine Zukunftsperspektive sieht, Sebastian (Michael Schulte), ein Drogenabhängiger, Greta (Gabi Assmann), eine ältere Dame, die über den Tod ihres Mannes nicht hinweg kommt, Marie (Ilka Dischereit), die vergewaltigt wurde, Johanna (Natascha Gollnow), eine junge Frau, die darunter leidet, dass ihr Gesicht durch heißes Wasser entstellt wurde, Sarah (Katharina Hackhausen), die von ihrem Freund ständig verprügelt wird, Christine (Susanne Jülich), die von ihrem Traummann verlassen wurde und schließlich Clemens (Martin Peifer), der querschnittsgelähmt ist.

Alle diese Personen haben ganz alltägliche Probleme und spielen zumindest mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen.
In dieser Nacht müssen sie eine Entscheidung treffen, "einen Schlussstrich ziehen". Da helfen auch die Aufmunterungssprüche nicht: "Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach' Limonadensaft daraus". Denn sofort hat einer einen Gegenspruch: "Und wenn das Leben Dir Scheiße gibt?" Oder: "Nach Regen folgt Sonnenschein" - "Wenn aber kein Sonnenschein folgt?".

Die Frage nach dem Sinn des Weiterlebens führt unweigerlich zu vielen Diskussionen unter den Anwesenden, denn jeder vertritt eine eigene Meinung. Es folgen diverse Themen wie die Gestaltung eines Abschiedbriefes oder des Grabsteines, in das z. B. der Drogenabhängige ironisch "Ich verdrück' mich" hineinmeißeln lassen will. Über das Thema, ob man seine Organe spenden soll kommt man schließlich zu der Frage, wie man sich denn das Leben nimmt. Auch hier hat jeder seine Argumente dafür sowie dagegen. Schlaftabletten? - "Die erhalten heutzutage so viel Brechmittel...", Springen - "Ich hab' Höhenangst!", und dann wäre da noch Frederic, der sich mit den Abgasen eines Porsche in der Garage vergiften will, worauf man ihn erinnert, dass er weder Porsche noch Haus mit Garage besitzt. Auch der querschnittsgelähmte Clemens hat keine Ahnung, wie er sich das Leben nehmen soll, denn nicht einmal die Luft anhalten kann er, weil er an einem Beatmungsgerät hängt.

Viele Ideen führen bei den Diskussionen in die Sackgasse. Alle sind sich jedoch einig, dass sie am liebsten gar nicht mehr erwachen wollen, weil sie an diesem Ort unbeschwert sein können, frei von allen Problemen.

Einer hat die Idee, ein Brainstorming zu machen, und alle Vor- und Nachteile des Lebens aufzuschreiben. Es folgt eine begeisterte Welle von positiven, banalen Schlagwörtern, die das Leben so lebenswert machen: Essen, Musik, Tanzen, Sex, Fliegen, Motorrad fahren oder einfach dem Nachbarn in den Garten zu pinkeln. Nach so viel Begeisterung scheitert man im Anschluss kläglich daran, wirkliche Nachteile des Lebens auszumachen.

Auf der Suche nach der Erleuchtung fangen die Personen an, ihre Plätze zu tauschen und stellen fest, dass es sich nach diesem Ortswechsel anders anfühlt, das Leben schon anders ist und Probleme plötzlich einen anderen Blickwinkel erhalten.

Nach allem Für und Wider ist am Ende dennoch eine Entscheidung zu fällen. Die meisten unter ihnen entscheiden sich für das Leben. Ein paar wenige wollen nicht mehr zurück und wählen die andere Tür. Eine Person bleibt verzweifelt zurück, weil sie keine Entscheidung treffen kann.

 

 

Meine Meinung zum Stück
Das noch unbekannte Stück von Etienne de Wolf hat durchaus einen Bezug zur heutigen Gesellschaft. Viele Menschen fühlen sich mit ihren Problemen alleine gelassen und schaffen es nicht, sie zu bewältigen. Die Konsequenz daraus ist oft der Gedanke an den Freitod.

Die Wahl des Schwimmbeckens als Spielort für diesen "unwirklichen" Raum ist eine geniale Idee. Der Zuschauer erhält so einen Blick von oben in eine kalte, eintönige Umgebung, die durch ihre Vertiefung und hohen Wände wie eine Art Gefängnis wirkt. Mobiliar und Kleidung sind einfarbig und verstärken so den Eindruck, dass die Personen sich in einer Gegend befinden, in der Farben nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, z. B. in einem Traum. Die Kostüme waren nicht einheitlich und trugen auch nicht den selben Rotton.

Im Rahmen des Theaterfestivals diskutierte man darüber, ob man die Figuren nicht in ein einheitliches Outfit hätte stecken müssen. Doch das war von Regisseur Dennis Witton nicht gewollt. Der Rotton sollte zeigen, dass die Personen in der selben Situation sind, jedoch immer noch verschiedene Individuen bleiben. Warum das "Wesen" (Bruni Hackenbruch), das die Suizid-Kanditaten in deren Träumen begleitet, in Leder, Lack und Stiefel gekleidet ist, erschließt sich mir nicht. Schwarz ja, aber warum als Vamp mit Zigarette? Und warum muss der personifizierte Tod überhaupt auf allen Bühnen immer rauchen? Sie ist Beobachter des Geschehens und nennt Zahlen, Daten und Fakten zu den verschiedenen Themen. Steif, im Stil einer Nachrichtensprecherin, wandert sie um das Becken herum, betritt aber manchmal auch die Szene und führt dort ihre Monologe fort, ohne dass das Bild und mit ihm die Darsteller einfrieren.

Man muss mit Kompromissen leben, wenn der Spielort die technischen Möglichkeiten einschränkt. Das große Schwimmbecken so auszuleuchten, dass es den Eindruck einer Spielfläche erweckt, funktioniert gerade so. Die Beleuchtung der Bühne erfolgt vom Beckenrand, wo die Zuschauer sitzen. Hin und wieder hört man ein Summen des Dimmers, wenn das Licht nach unten gedimmt wird.
Ein Manko ist die Toneinspielung. Da kein weiterer Strom zur Verfügung steht, wurde ein tragbarer CD-Player, vermutlich mit Batterie betrieben, auf die Bühne gestellt, der von den einzelnen Darstellern mehrere Male bedient werden muss. Jede Person in dem Stück hat Momente, in denen sie alleine ist. Das Licht wird gedimmt, die Person geht zum CD-Player und schaltet ein, spielt unter tragischer Opernmusik ihre Verzweiflung, um schließlich wieder auf die Stopp-Taste zu drücken. Nicht nur, dass die Person aus ihrer Rolle fällt, es ist einfach störend, wenn man als Zuschauer warten muss, bis der Darsteller den richtigen Knopf gefunden hat, und das raubt jegliche Illusion. Die Nähe des Zuschauers zur Spielfläche lässt auch den Blick auf Theater-Techniken frei, die sich sehr leicht als Andeutung einer Ohrfeige oder nicht wirklich geschriebener Textzeilen entlarven lassen. Das kann man besser machen.

 

Die schauspielerischen Leistungen der Darsteller sind mal wieder auf sehr hohem Niveau. Es gibt in diesem Stück keine Hauptfigur. Jeder der zehn Darsteller zeigt enorme Spielerqualitäten und viel spielerische Leidenschaft. Obgleich das Thema nicht gerade zum Lachen ist, schaffen sie es mit ihrer natürlichen Spielweise zu faszinieren, und dem Thema somit eine gewisse Leichtigkeit zu geben. Die Tränen, Wut und Verzweiflung wirken echt, und versetzen bestimmt dem ein oder anderen Zuschauer den ein oder anderen Kloß im Magen.

Fazit
Wieder ein sehenswertes Stück mit tollen Schauspielern in einer interessanten Umgebung. Ein zeitloses Stück, das zum Nachdenken anregt aber auch Mut macht, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen oder dazu anregen kann, Menschen in Ihrer Not zu helfen.

Anspruch
Schauspielerische Leistung
Bühnenbild
Spannung
Kostüme
Technik

 

Das schreibt die Presse

Weitere Aufführungen:
24./25./26. März 06
30. April 06
25. Mai 06 (Theaterfestival)

 

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