Die Feuervögel
Improvisationstheater
Leitung: Kerstin Rasmussen

Wer Improvisationstheater kennt, hat sicherlich auch schon einmal etwas von "Springmaus", Deutschlands erstem Improvisationstheater, gehört. Seit 1983 ist das Ensemble aus Bonn nicht nur sehr erfolgreich, sie setzen auch Maßstäbe für Theater aus dem Stegreif. Mein erster und auch einziger Besuch im Haus der Springmaus wirkte auf mich damals eher enttäuschend, denn das, was dort als Improtheater verkauft wurde, war von vorne bis hinten durch inszeniert. Zwar wurden die Zuschauer aufgefordert, Vorschläge für die Szenen auf der Bühne zu machen, aber das Grundgerüst und viele Gags der einzelnen Darbietungen stand schon vorher fest, da bin ich mir sicher. Ein paar Nachahmer in Sachen Impro habe ich in den vergangenen Jahren kommen und wieder gehen sehen. Diese unterschieden sich von den Profis immer darin, dass die Vorstellungen wirklich zum größten Teil improvisert waren. Das führte nicht selten zu unerwarteten und vor allem ungewollten Darbietungen, die weder lustig noch sehenswert waren. Wenn die Darsteller plötzlich zu Opfern werden, man mit ihnen Mitleid bekommt, weil sie nicht weiter wissen, dann stimmt etwas nicht mit den Vorbereitungen. Und da komme ich nochmals zu den Springmäusen, die nicht nur über ausreichend Erfahrung besitzen und aus wirklich jeder Situation etwas lustiges umsetzen können. Sie sind auch perfekt vorbereitet. Denn nicht das Publikum bestimmt den Ablauf des Abends, sondern die Darsteller. Das Publikum darf zwar Stichworte, Filmgenre, Orte des Geschehens, berühmte Persönlichkeiten etc. einbringen, aber die Szene ist längst geschrieben und wird nur entsprechend verändert, so dass es für den Zuschauer wie improvisiert aussieht. Die Lage ist aber immer unter Kontrolle.

Nun versucht es auch das Phoenix-Theater mit der "Königsdisziplin" im Schauspiel, und Vereinsvorsitzende, Bettina Glücks, wiederholt immer wieder, dass sie oft angesprochen wird, ob ihr Verein nicht mal zu einer Geburtstagsfeier oder anderen Festivitäten etwas vorspielen könnte. Da es nunmal keinen Sinn macht, eine Szene aus einem aktuellen Theaterstück zu spielen, kommt ihr die Geburt der Feuervögel gerade recht. Die Geburtsstunde beginnt also mit einem abendfüllenden Programm, das ich mit großer Skepsis und sicher auch einigen Vorurteilen besuche.

Das Programmheft verspricht viel. Zu sehen sind die Darsteller mit verschiedenen lustigen, nachdenklichen oder grimmigen Gesichtszügen sowie einige Probenfotos.

Die Bühne ist leer bis auf acht Stühle, die jeweils über einer Trinkflasche stehen. Und dann geht es auch schon los. Mit stimmungsvoller Musik und gut gelaunten Schauspielern, die zur Musik tanzen und schon am Anfang vor ausverkauftem Saal für reichlich Stimmung sorgen. Kerstin Rasmussen begrüßt dann das Publikum und erklärt, was uns in den kommenden Stunden erwartet. "Alles an diesem Abend ist improvisiert, und sie bestimmen den Ablauf".

Und der sah dann so aus: Eine Abfolge diverser Improspiele, bei denen die Zuschauer, Ort, Handlung, Personen etc. bestimmen und die Schauspieler "irgend etwas" daraus machen müssen.

Begonnen wurde mit dem "ABC-Spiel" bei dem Volker Schumann und Gudrun Romes in einem Gummiboot sitzend einen Dialog führten, dabei jeder Satz aber mit einem bestimmten Buchstaben beginnen musste, quasi das ganze Alphabet von A-Z. Die Geschichte entwickelte sich bis zum Untergang des Bootes, bei dem Volker witzig zum Buchstaben "T" fragte: "Tust Du mich retten, wenn wir untergehen?". Dass er nicht immer die Reihenfolge der Buchstaben einhielt und auch bewusst die Regeln der Rechtschreibung überging, reklamierte das Publikum anfangs, ließ ihn dann aber auch lachend gewähren.

Es folgte das Spiel "Wachsen und Schrumpfen", bei dem Kerstin Rasmussen allein in einer Flugzeugtoilette starten musste. Es kamen immer mehr Schauspieler dazu, die eingriffen und Handlung sowie Ort der Handlung auch komplett wechselten. So stieß z. B. Stefan Hennigs dazu, der laut grölend dem 1. FC-Köln zujubelte, oder Bernd Hammer-Bendig, der sich in einem Swinger-Club extrem unwohl fühlte, weil alle nackt waren. Nach und nach verschwanden die Darsteller wieder und Kerstin Rasmussen starb den Erstickungstod auf dem Klo.

Lustig war dann auch das Spiel "Der Experte", bei dem Sabine Springer eine türkische Expertin für die "Entstehung des Wurzelchakras" spielte, Volker Schumann übersetzte und Gudrun Romes die Fragen stellte. Volker Schumann übersetzte also, natürlich auf türkisch (so hörte es sich jedenfalls an) während Sabine Springer mit großen Augen zuhörte und dann mit großem Temperament und viel Körpereinsatz erklärte, was die Krankheit Upsullu mit dem Wurzelchakra zu tun hat. Und Volker übersetzte gekonnt falsch, denn er widersprach dem, was Sabine mit Mimik und Gestik vorspielte. So zeigte sie z. B. anstrengende Bodenübungen, um die Krankheit Upsullu zu therapieren, während Volker das mit absoluter Bettruhe übersetzte.

Beim Personenraten wurde Rahel Depker aus dem Raum geschickt, damit das Publikum bestimmen konnte, welche berühmten Personen von den Darstellern gespielt werden sollten, die sie erraten darf. Bernd Hammer-Bendig mimte Bruce Darnell, der seine Handtasche vermisste, Kerstin Rasmussen spielte Paris Hilton, die keine Freunde hatte und Stefan Hennigs schlüpfte in die Rolle des Edmund Stoiber, der einen Schlüpfer von Angela Merkel in seiner Reisetasche fand. Hierbei zeigte sich aber die anfangs erwähnte Hilflosigkeit der Darsteller. Die Personen wurden im Ansatz zwar gut vorgespielt, Rahel Depker hatte jedoch Mühe, die ViPs zu erkennen, auch weil es vielleicht an der Darstellungsweise mit wenig Einfällen haperte. Damit zog sich die Szene etwas in die Länge.

 

In der nächsten Szene befanden sich Stefan Hennigs und Lydia Papenfuss im Spieleparadies bzw. Bällebad von Ikea wieder. Beide waren Kinder. Sie wurde von Ihren Eltern schon vor längerer Zeit abgegeben (Durchsage: "Die kleine Anna ist seit zwei Wochen im Balla Balla Land und möchte abgeholt werden"). Er will zu seinen Eltern, weil er sie nicht mag. Diese Szene wurde dann in der Version "Bauer sucht Frau", bei der er sie am Ende mit dem Trecker überfährt und in der Version "Matrix" gespielt, wo sie am Ende "gelöscht" wurde.

Bei der Synchronisation des vorgegebenen Filmes "Ice Age 3" der in Island spielen sollte, hatte ich das Gefühl, dass die Darsteller ein wenig Pause brauchten, denn die Luft im Saal war stickig, die Luft im Spiel etwas raus, und die guten Einfälle fehlten. Island wurde als Vorgabe nicht umgesetzt und der Text beschränkte sich auf "Wo ist die Nuss?" und "Da ist die Nuss!". Da hat das Publikum den Darstellern mit der Auswahl keinen Gefallen getan.

 

In der zweiten Hälfte des Abends überzeugte das "Zettelspiel". Die Zuschauer mussten im Foyer irgendeinen Satz auf einen Zettel schreiben. Diese wurden dann auf dem Bühnenboden verteilt und in die Szene auf Kommando eingebaut. Sehr nett.

Am Ende durfte der Zuschauer direkt in die Szenen eingreifen, indem er bestimmte, welcher Darsteller gehen muss bzw. wer einspringen soll. Das machte besonders den Kindern im Publikum Spaß, die sowieso immer eifrig mitmachten.

Fazit
Der Abend vor heimischen Publikum ist gut angekommen, keine Frage. Meine Meinung bleibt dennoch unverändert: Improvisation ist verdammt schwer, und ich finde es sehr mutig, wenn man versucht, einen kompletten Abend zu improvisieren. Es verlangt einem sehr viel Können, besonders Erfahrung und viel Spontaneität ab. Insofern machen es sich die oben genannten Profis eigentlich zu leicht, aber damit sind sie nunmal auf der sicheren Seite und auch erfolgreich, und die Feuervögel zu schwer, weil sie so gut wie keinen Einfluss auf den Ablauf nehmen können. Nicht auszudenken, wie die Vorstellung abläuft, wenn das Publikum schlecht drauf ist. Auch darauf sollte man dann vorbereitet sein.

Die Feuervögel haben eine enorme Spielfreude und bewegen sich sehr selbstbewusst, mitunter aber auch etwas hektisch, auf der Bühne. Sie haben alle eine besondere und auch sympathische Ausstrahlung, und ich bin überzeugt, dass sie mit dieser Energie und entsprechender Erfahrung ihr Programm gut aufbauen können. Aller Anfang ist bekanntlich schwer, und man wächst ja mit seinen Aufgaben.

 

Zum Schluss möchte ich noch Rudi Carrell zitieren, der folgendes so treffend und entlarvend zugleich gesagt haben soll: "Wenn Du etwas aus dem Ärmel schütteln möchtest, musst Du vorher etwas hinein tun!".

Das lasse ich unkommentiert und schließe ich mit den Worten von Bruce Darnell ab:
"Das ist der Wahrheit".

Und das schreibt die Presse

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