Wer
Improvisationstheater kennt, hat sicherlich auch schon einmal etwas
von "Springmaus", Deutschlands erstem Improvisationstheater, gehört.
Seit 1983 ist das Ensemble aus Bonn nicht nur sehr erfolgreich, sie
setzen auch Maßstäbe für Theater aus dem Stegreif. Mein erster und
auch einziger Besuch im Haus der Springmaus wirkte auf mich damals
eher enttäuschend, denn das, was dort als Improtheater verkauft wurde,
war von vorne bis hinten durch inszeniert. Zwar wurden die Zuschauer
aufgefordert, Vorschläge für die Szenen auf der Bühne zu machen, aber
das Grundgerüst und viele Gags der einzelnen Darbietungen stand schon
vorher fest, da bin ich mir sicher. Ein paar Nachahmer in Sachen
Impro habe ich in den vergangenen Jahren kommen und wieder gehen sehen.
Diese unterschieden sich von den Profis immer darin, dass die Vorstellungen
wirklich zum größten Teil improvisert waren. Das führte nicht selten
zu unerwarteten und vor allem ungewollten Darbietungen, die weder lustig
noch sehenswert waren. Wenn die Darsteller plötzlich zu Opfern werden,
man mit ihnen Mitleid bekommt, weil sie nicht weiter wissen, dann stimmt
etwas nicht mit den Vorbereitungen. Und da komme ich nochmals zu den
Springmäusen,
die nicht nur über ausreichend Erfahrung besitzen und aus wirklich
jeder Situation etwas lustiges umsetzen können. Sie sind auch perfekt
vorbereitet. Denn nicht das Publikum bestimmt den Ablauf des Abends,
sondern die Darsteller. Das Publikum darf zwar Stichworte, Filmgenre,
Orte des Geschehens, berühmte Persönlichkeiten etc. einbringen, aber
die Szene ist längst geschrieben und wird nur entsprechend verändert,
so dass es für den Zuschauer wie improvisiert aussieht. Die Lage ist
aber immer unter Kontrolle.
Nun versucht es auch das Phoenix-Theater
mit
der "Königsdisziplin" im Schauspiel, und Vereinsvorsitzende, Bettina
Glücks, wiederholt immer wieder, dass sie oft angesprochen wird, ob ihr
Verein nicht mal zu einer Geburtstagsfeier oder anderen Festivitäten etwas
vorspielen könnte. Da es nunmal keinen Sinn macht, eine Szene aus einem
aktuellen Theaterstück zu spielen, kommt ihr die Geburt der Feuervögel
gerade recht. Die Geburtsstunde beginnt also mit einem abendfüllenden
Programm, das ich mit großer Skepsis und sicher auch einigen Vorurteilen
besuche.
Das Programmheft verspricht
viel. Zu sehen sind die Darsteller mit verschiedenen lustigen, nachdenklichen
oder grimmigen Gesichtszügen sowie einige Probenfotos.
Die
Bühne ist leer bis auf
acht Stühle, die jeweils über einer Trinkflasche stehen. Und
dann geht es auch schon los. Mit stimmungsvoller Musik und gut gelaunten
Schauspielern, die zur Musik tanzen und schon am Anfang vor ausverkauftem
Saal für reichlich
Stimmung sorgen. Kerstin Rasmussen begrüßt dann das Publikum
und erklärt,
was uns in den kommenden Stunden erwartet. "Alles an diesem Abend
ist improvisiert, und sie bestimmen den Ablauf".
Und der sah dann so aus: Eine
Abfolge diverser Improspiele, bei denen die Zuschauer, Ort, Handlung, Personen
etc. bestimmen und die Schauspieler "irgend etwas" daraus machen müssen.
Begonnen
wurde mit dem "ABC-Spiel" bei dem
Volker Schumann und Gudrun Romes in einem Gummiboot sitzend einen Dialog
führten, dabei jeder Satz aber mit einem bestimmten Buchstaben beginnen
musste, quasi das ganze Alphabet von A-Z. Die Geschichte entwickelte
sich bis zum Untergang des Bootes, bei dem Volker witzig zum Buchstaben
"T" fragte: "Tust Du mich retten, wenn wir untergehen?". Dass er nicht
immer die Reihenfolge der Buchstaben einhielt und auch bewusst die
Regeln der Rechtschreibung überging, reklamierte das Publikum anfangs,
ließ ihn dann aber auch lachend gewähren.
Es folgte das Spiel "Wachsen
und Schrumpfen", bei dem Kerstin Rasmussen allein in einer Flugzeugtoilette
starten musste. Es kamen immer mehr Schauspieler dazu, die eingriffen
und Handlung sowie Ort der Handlung auch komplett wechselten. So stieß
z. B. Stefan Hennigs dazu, der laut grölend dem 1. FC-Köln zujubelte,
oder Bernd Hammer-Bendig, der sich in einem Swinger-Club extrem unwohl
fühlte, weil alle nackt waren. Nach und nach verschwanden die Darsteller
wieder und Kerstin Rasmussen starb den Erstickungstod auf dem Klo.
Lustig
war dann auch das Spiel "Der Experte", bei dem Sabine Springer eine
türkische Expertin für die "Entstehung des Wurzelchakras" spielte,
Volker Schumann übersetzte und Gudrun Romes die Fragen stellte. Volker
Schumann übersetzte also, natürlich auf türkisch (so hörte es sich
jedenfalls an) während Sabine Springer mit großen Augen zuhörte und
dann mit großem Temperament und viel Körpereinsatz erklärte, was die
Krankheit Upsullu mit dem Wurzelchakra zu tun hat. Und Volker übersetzte
gekonnt falsch, denn er widersprach dem, was Sabine mit
Mimik und Gestik vorspielte. So zeigte sie z. B. anstrengende Bodenübungen,
um die Krankheit Upsullu zu therapieren, während Volker das mit absoluter
Bettruhe übersetzte.
Beim Personenraten wurde Rahel
Depker aus dem Raum geschickt, damit das Publikum bestimmen konnte, welche
berühmten Personen von den Darstellern gespielt werden sollten, die
sie erraten darf. Bernd Hammer-Bendig mimte Bruce Darnell, der seine
Handtasche vermisste, Kerstin Rasmussen spielte Paris Hilton, die keine
Freunde hatte und Stefan Hennigs schlüpfte in die Rolle des Edmund Stoiber,
der einen Schlüpfer von Angela Merkel in seiner Reisetasche fand.
Hierbei zeigte sich aber die anfangs erwähnte Hilflosigkeit der Darsteller.
Die Personen wurden im Ansatz zwar gut vorgespielt, Rahel Depker hatte
jedoch Mühe, die ViPs zu erkennen, auch weil es vielleicht an der Darstellungsweise
mit wenig Einfällen haperte. Damit zog sich die Szene etwas in die
Länge.
In der nächsten Szene befanden
sich Stefan Hennigs und Lydia Papenfuss im Spieleparadies bzw. Bällebad
von Ikea wieder. Beide waren Kinder. Sie wurde von Ihren Eltern schon
vor längerer Zeit abgegeben (Durchsage: "Die kleine Anna ist seit zwei
Wochen im Balla Balla Land und möchte abgeholt werden"). Er will zu
seinen Eltern, weil er sie nicht mag. Diese Szene wurde dann in der
Version "Bauer sucht Frau", bei der er sie am Ende mit dem Trecker
überfährt und in der Version "Matrix" gespielt, wo sie am Ende "gelöscht"
wurde.
Bei
der Synchronisation des vorgegebenen Filmes "Ice Age 3" der in Island
spielen sollte, hatte ich das Gefühl, dass die Darsteller ein wenig
Pause brauchten, denn die Luft im Saal war stickig, die Luft im Spiel
etwas raus, und die guten Einfälle fehlten. Island wurde als Vorgabe
nicht umgesetzt und der Text beschränkte sich auf "Wo ist die Nuss?"
und "Da ist die Nuss!". Da hat das Publikum den Darstellern mit der
Auswahl keinen Gefallen getan.
In der zweiten Hälfte des
Abends überzeugte das "Zettelspiel". Die Zuschauer mussten im Foyer
irgendeinen Satz auf einen Zettel schreiben. Diese wurden dann auf
dem Bühnenboden verteilt und in die Szene auf Kommando eingebaut. Sehr
nett.
Am Ende durfte der Zuschauer
direkt in die Szenen eingreifen, indem er bestimmte, welcher Darsteller
gehen muss bzw. wer einspringen soll. Das machte besonders den Kindern
im Publikum Spaß, die sowieso immer eifrig mitmachten.
Fazit
Der
Abend vor heimischen Publikum ist gut angekommen, keine Frage. Meine
Meinung bleibt dennoch unverändert: Improvisation ist verdammt
schwer, und ich finde es sehr mutig, wenn man versucht, einen kompletten
Abend zu improvisieren. Es verlangt einem sehr viel Können, besonders
Erfahrung und viel Spontaneität ab. Insofern machen es sich die oben
genannten Profis eigentlich zu leicht, aber damit sind sie nunmal auf
der sicheren Seite und auch erfolgreich, und die Feuervögel
zu schwer, weil sie so gut wie keinen Einfluss auf den Ablauf nehmen
können. Nicht auszudenken, wie die Vorstellung abläuft, wenn
das Publikum schlecht drauf ist. Auch darauf sollte man dann vorbereitet
sein.
Die
Feuervögel haben eine enorme Spielfreude und bewegen sich sehr selbstbewusst,
mitunter aber auch etwas hektisch, auf der Bühne. Sie haben alle
eine besondere und auch sympathische Ausstrahlung, und ich bin überzeugt,
dass sie mit dieser Energie und entsprechender Erfahrung ihr Programm
gut aufbauen können. Aller Anfang ist bekanntlich schwer, und
man wächst
ja mit seinen Aufgaben.
Zum
Schluss möchte ich noch
Rudi Carrell zitieren, der folgendes so treffend und entlarvend zugleich
gesagt haben soll: "Wenn Du etwas aus dem Ärmel schütteln möchtest, musst
Du vorher etwas hinein tun!".
Das lasse ich unkommentiert
und schließe ich mit den Worten von Bruce Darnell ab:
"Das ist der
Wahrheit".
Und das schreibt die Presse
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